Rituale geben uns Halt … wenn sie mit Leben gefüllt sind

Brennendes Holz in einer Schale

Es ist ja besser, im Hier und Jetzt zu sein. Das versuche ich. Aber manchmal erlebe ich auch, dass ich aus Gedanken, die um Erlebtes kreisen, etwas entwickeln und Zukunft gestalten kann.

Und immer mal wieder denke ich über Rituale nach, wie sehr wir sie brauchen, wenn wir sie wirklich leben können. Dass wir uns aber nicht nur an Ritualen festhalten sollten, sondern dass es mehr sein muss. Viel mehr.

Mir geht ein Bild gerade nicht mehr aus dem Kopf. Und ich habe sogar einen Ton dazu. Ich denke an ein kleines Feuer hinter der Kirche. An den Pastor meiner Kindheit, meiner Jugend und meines jungen Erwachsenendaseins. Es war Osternacht. Das ist schon sehr lange her.
Dieser Pastor war für mich etwas besonderes, obwohl er, wie viele sagten, nicht mit besonderem Charisma ausgestattet war. Aber er war immer darum bemüht, da zu sein, fokussiert zu sein, sich zu kümmern. Er konnte Rituale, würde ich heute sagen. Aber nicht nur das. In der Christmette war zuerst alles dunkel und er hat das Weihnachtsevangelium in einer besonderen Andacht gesungen.

Ach, ich war ja bei Ostern. Ja, die Osternacht. Sie ist mir jetzt wieder eingefallen, weil wir in den nächsten Tag Ostern haben und auch diese Rituale aufgrund der Corona-Pandemie nicht begangen werden können. Jetzt ist das für mich nicht weiter schlimm, weil ich nicht mehr in dieser Kirchengemeinschaft bin. Und das hat nicht zuletzt auch etwas damit zu tun, dass mir Rituale oft so unglaublich leer vorkamen.

Aber damals, die Osternacht! Der Pastor hatte feierlich die Osterkerze angezündet und zog nun mit der Gemeinde in die Kirche ein. Dabei sang der Priester mit etwas Abstand dreimal „Lumen Christi“. Das heisst „Licht Christi“ und die Gemeinde sang jeweils „Deo Gratias“, was „Dank sei Gott“ bedeutet. Dieses Bild ist jetzt da. Sogar mit Ton. Weil die Gruppe, die in die Kirche einzog, relativ klein war, war das „Deo Gratias“ eher leise. Aber der Pastor mit der großen Osterkerze in den Händen, hatte so eine Präsenz, dass ich es bis heute nicht vergessen habe.

Und heute? In der Gesellschaft, in Familien- und Freundeskreis, in Organisationen, für uns selbst? Haben wir Rituale und die Präsenz und die Tiefe, um sie mit Leben zu füllen?

Durch diese Pandemie haben wir plötzlich nicht mehr die Möglichkeit, etwas in gleicher Form weiterzumachen. Wir sind gezwungen, unser Tun zu überdenken und neu zu überlegen, warum wir etwas wie tun. Ich kenne in einem Dorf im Sauerland, wo sich diese beschriebene Osternacht abgespielt hat, Familien, die abends zu einer bestimmten Uhrzeit, eine Kerze anzünden, ihre Wohnung verdunkeln und für die von der Pandemie betroffenen Menschen beten. Das ist bestimmt ein Ritual, dass Sinn macht, weil es hoffentlich dazu führt, dass diese Menschen sich tiefer besinnen und vielleicht das Gute in sich vermehren und in die Welt hinaustragen. Im besten Fall bleibt es nicht bei dem Gebet, sondern man ist danach ein anderer Mensch, überlegt sich, mit seiner Familie einen besseren Umgang zu pflegen oder mit der alten Nachbarin von gegenüber in Kontakt zu treten.

Nun habe ich diese Rituale nicht. Ich habe dafür andere. Es ist für mich wichtig morgens fünfzehn Minuten lang Yoga zu üben und in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Ich denke nach, wie ich in den Tag starten kann. Und wenn es gut läuft, atme ich bewusst. Nach Feierabend mache ich gerne einen kleinen Spaziergang. Und gesellschaftlich ist ein Ritual im Moment ganz prägnant: das Händewaschen. Aber wir mussten uns auch erst daran gewöhnen es lang genug zu tun – manche zumindest 🙂 – und den Sinn des Tuns erkennen.

Und im Team, in unserer Organisation? Wir haben größtenteils neue Teamzeiten, wir treffen uns virtuell und sehen uns sehr viel weniger. Uns wird jetzt einmal mehr deutlich, wie wichtig Teamarbeit ist und dass wir uns brauchen, um Sicherheit zu erhalten oder wieder zu erlangen. Dass es nur gemeinschaftlich geht. Und es müssen sich teilweise noch neue Rituale entwickeln. Aber ich bin da ganz zuversichtlich, dass etwas entstehen wird. Vielleicht kann es auch eine Kerze geben, ein besonderes Bild oder einfach etwas, das Wärme und Hoffnung und Orientierung vermittelt. Überlegen wir einmal. Neue Rituale sind wichtig. Hauptsache, sie sind mit Leben gefüllt.

Titelfoto: Christian Zepke

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