Ich bin aus meiner Box gesprungen! Oder geschlichen?

Weinberg-Schnecke

Nach dem Artikel „Selbstorganisation oder das schwarze Loch“ habt ihr euch vielleicht auch gefragt, warum sich der Kleine Chef heimlich so nennt. Ich muss sagen, ich war selbst sehr neugierig. Dann habe ich versucht, ihn persönlich zu erreichen, um ihn zu fragen. Da ich ihn nicht sprechen konnte, habe ich ihm eine E-mail geschrieben. Und nach wenigen Tagen hat er mir schon sehr ausführlich schriftlich darauf geantwortet:

„Lieber Christian,
ich verstehe Deine Neugierde gut. Du oder die eine oder der andere Deiner Leser.innen überlegen sich vielleicht, ob ich mich klein mache. Immerhin bin ich doch Führungskraft, könnten sie denken. Ja, bin ich. Und ja, ich trage Verantwortung. Mir ist der Begriff „Kleiner Chef“ vor langer Zeit eingefallen und manchmal benutze ich ihn. Aber das hat wirklich viele Gründe, die ich Dir gerne erzähle:

  • Das Unternehmen, dass ich leite oder führe, ist ein kleines mittelständisches Unternehmen. Und ich habe Respekt vor Menschen, die ein großes, möglicherweise weit verzweigtes Unternehmen führen oder dort in leitender Position tätig sind. Aber ich wollte und ich will nicht mit ihnen tauschen, weil man ab einer gewissen Größe leichter den Überblick verlieren kann. Dass ich den Überblick schon jetzt verlieren könnte, das sorgt mich schon ein wenig. Aber die Sorge nimmt ab. Ich sage Dir gleich warum.
  • Was Führungskräfte in kleinen und in großen Unternehmen gleich haben: Sie können Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten, dazu gewinnen mitzudenken und mitzugestalten. In größeren Strukturen müssen das nur mehr Menschen gleichzeitig wollen und eine entsprechende Kultur und Struktur vorhanden sein. Und bei großen Unternehmen erfordern Veränderungen wohl oft mehr Kraftanstrengung. Aber es ist ja auch mehr Kraft vorhanden? Das ist vielleicht etwas schlicht gedacht, gebe ich zu.
  • Das gemeinsame oder verteilte Steuern macht es für die Führungskraft, also auch für mich, nur teilweise einfacher. Die Aufgaben verändern sich. Und ich muss plötzlich nicht immer derjenige sein, der die Entscheidung trifft und das letzte Wort hat. Ich kann Fragen stellen und Menschen beim Lernen zusehen und sie vielleicht sogar begleiten. Da bin ich noch am Anfang.
  • Ich bin schon etwas älter und ich mag ein Buch sehr, das viele vielleicht bereits im jungen Alter lesen. Hoffentlich lesen sie es: „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Der kleine Prinz lebte auf einem Planet, der kaum größer als ein Haus war. Und irgendwann kam er auf die Idee, dass er seinen Planeten verlassen und auf eine Reise gehen möchte. Es war ihm zu eng geworden und er wollte seinen Horizont erweitern. Auf dieser Reise hat der kleine Prinz sehr sehr viel erlebt und gelernt.
  • Der kleine Prinz war neugierig. Und er hat immer wieder nachgefragt, wenn er etwas nicht verstand oder gar keine Antwort bekam. Er ist beharrlich seinen Weg gegangen. Der kleine Prinz ist eine Art Vorbild für mich. Ja, ich bin auch neugierig und möchte neue Wege gehen. Aber ich könnte meine Augen offener machen und besser erkennen, was in meiner Welt passiert. Ich könnte häufiger nachfragen, wenn ich etwas nicht verstehe. Wir Menschen neigen dazu einfach etwas vorauszusetzen. Wenn es gut läuft, fragen wir mal nach. Aber wir verstehen manche Dinge nicht und hören uns nicht zu. Der kleine Prinz hat diejenigen, denen er begegnet ist, nicht eingeordnet, sondern versucht, sie zu verstehen.
  • Habe ich mich selbstständig gemacht, weil ich jemand führen wollte? Nein. Das machen wahrscheinlich die wenigsten. Ich habe mich selbstständig gemacht, weil ich etwas bewegen, etwas anders machen und mich entwickeln wollte. Weil ich Ideen hatte, wie wir mit unseren Kunden so umgehen, dass unsere Leistung attraktiv und profitabel für sie ist. Ich hatte die Idee, dass wir sie gut behandeln und nicht von oben herab. Dass wir eine Atmosphäre schaffen, in der sich alle wohl und gut aufgehoben fühlen. Ich habe mit meiner Kollegin und Geschäftspartnerin diese Ideen entworfen und sie mit Leben gefüllt. Und dann kamen mehr Mitarbeitende dazu. Und wir haben diese Ideen gemeinsam in unsere Welt getragen. Und machen es immer noch.
  • Der Kleine Chef wurde aber sogar schon Jahre vor der Selbstständigkeit erdacht. Als ich noch angestellt war, habe ich mal für einen Menschen, der mir sehr nah ist, eine Ansprache gehalten. Einer, der ganz klein angefangen und viel gearbeitet hat, größer und erfolgreich wurde und nach fünfzig Arbeitsjahren auf viele Erfahrungen zurückblickte. Und inmitten dieser Ansprache habe ich gesagt, dass ich ihm, dem Jubilar, nachstreben möchte. Aber das es mir reicht, ein kleiner Chef zu werden.

„Ich bin vor Jahren aus meiner Box gesprungen.“

  • Da hatte es vielleicht seinen Anfang. Und dann ist viel geschehen. Erst kürzlich begegnete ich einem jungen Mann, der zu mir sagte: „Ich bin vor Jahren aus meiner Box gesprungen“. Und ich dachte nur: Wow. Dieser Satz traf mich. Er hatte noch gar nicht erzählt, was er damit meinte. Aber ich hatte eine Ahnung und dachte: Vielleicht bin ich auch aus meiner Box gesprungen. Und zwar damals, als ich diese Ansprache hielt. Ich fand dieses Bild so schön, dass ich immer wieder darüber nachgedacht habe und schließlich den jungen Mann fragte, wie er aus seiner Box gesprungen ist. Es habe einen Zeitpunkt bei ihm gegeben, als er einen Dialog mit sich selber führte. Er habe die Vogelperspektive eingenommen und gemerkt, dass er selbst nicht das Ganze ist. Das habe ihn verändert.
  • Ja, auch ich habe mich verändert. Es gab Meilensteine. Aber es gab auch eine sehr langsame Entwicklung. Oft fühlte sich die Entwicklung eher wie ein Stillstand an. Nach einigem Nachdenken muss ich sagen: Ich bin wie eine Schnecke aus der Box gekommen. Aber immerhin bin ich draußen. Das zählt doch. Und ich habe überlegt, dass wir in unserem Leben im besten Falle vielleicht aus mehreren Boxen springen oder schleichen. Ich mag das Bild sehr.

So, jetzt weißt Du, warum ich mich heimlich Kleiner Chef nenne. Ach so, jetzt willst Du sicher noch wissen, warum ich es nur heimlich zu mir sage. Vielleicht aus Sorge. Es gibt noch Menschen, die wollen einen großen Chef. Einen Chef, der etwas darstellt, sich durchsetzt und der schnell Entscheidungen trifft und dabei bleibt, der Erfolge erzielt. Oft weiß ich nicht, ob ich so ein Mensch überhaupt sein kann. Ja, ich kann Entscheidungen treffen und habe Erfolge erzielt. Aber ich habe auch viele Fehler gemacht und bin nicht allwissend.

Wie gesagt, bin ich auch immer wieder Umwege gegangen. Das hat zu Zeitverzögerungen geführt. Meine Kraft und meine Ausstrahlung sind begrenzt. So wie meine Fähigkeiten, die ich mir angeeignet habe. Wahrscheinlich erleben viele Menschen diese Begrenzungen. Auch Führungskräfte. Aber sie glauben vielleicht, nicht dazu stehen zu dürfen. Vielleicht reicht es, ein kleiner Chef zu sein, könnte ich denen tröstend sagen. Vielleicht ist sogar ein kleiner Chef besser, der andere zum Mitdenken und Mitgestalten anregt und der nicht immer den Überblick haben muss. Das möchte ich auf jeden Fall sein: jemand, der andere einlädt, mit ihm aktiv zu werden. In dem Unternehmen, aber auch außerhalb. Du und Deine Leser.innen, Ihr helft mir doch dabei?

„Wenn man seine Morgentoilette beendet hat, muss man sich ebenso sorgfältig an die Toilette des Planeten machen.“

Auf dem Planeten des kleinen Prinzen gab es viel Samen von Affenbrotbäumen. Und diese Bäume können ja bekanntlich sehr groß werden. Die Gefahr besteht, dass der kleine Planet dann sogar gesprengt wird. Deshalb hat der kleine Prinz die Triebe regelmäßig ausgerissen und seinen Planeten so gerettet. Unser Planet ist vielleicht das Team, in dem wir uns befinden oder die Organisation um uns herum. Jeder hat einen Planeten. Abgesehen von dem Planeten Erde, auf dem wir alle leben. Wie ist es bei Dir? Pflegst Du Deinen Planeten gut?

Alles Liebe für Dich und Deinen Planeten.
Kleiner Chef“

Ich war sehr überrascht über diese lange Antwort. Und dann lässt mich der Kleine Chef noch mit einer Frage zurück. Pflege ich meinen Planeten richtig? Ich muss nachdenken. Wie ist es denn bei Euch?

Titelfoto: Christian Zepke

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