Der Ort der Entwicklung

Ein Mann wohnte in der Nähe eines ganz schönen großen Gartens mit besonderen Pflanzen und Skulpturen. So stellte er sich den Garten jedenfalls vor. Außer ein paar Palmen sah er kaum etwas. Der Garten war nämlich umgeben von einer hohen Hecke und einem ebenso hohen Zaun. Manchmal hörte der Mann das Plätschern eines Brunnens.

Vielleicht einmal im Jahr fand in diesem Garten eine Garten-Party bis spät in die Nacht statt. Stimmengewirr, Musik und Scheinwerfer dringen bis in die Nachbarschaft vor. Dann wurde die schöne Umgebung gut genutzt und der Mann freute sich für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Festes.

Ob zu anderen Zeiten auch jemand in dem Garten war, konnte er nicht erkennen. Manchmal ging er an dem Gartenzaun entlang. Dieser Zaun war so hoch, dass man nicht darüber hinweg sehen konnte. Aber da war ein Astloch. Er musste sich nur ein wenig strecken. Durch dieses Astloch schaute er manchmal hindurch und sah einen kleinen Ausschnitt dieses wirklich schönen Gartens. Er wollte den Besitzer nicht stören und dessen Bedürfnis nach Abgrenzung und Ruhe respektieren. Der Besitzer war jedoch nie zu erkennen.

Ist das überhaupt erlaubt, fragte er sich dann. Wäre es schön, wenn jemand in sein Reich schaut? Diese Zweifel kamen schnell. Hoffentlich sieht ihn niemand, dachte er dann leicht verschämt. Trotzdem, er fühlte sich gut. Warum machte es dem Mann Spaß durch ein Astloch zu schauen? Wenn er dadurch schaute, fühlt er sich einen Augenblick lang wie ein Kind. Als würde es hinter dem Zaun eine Überraschung, etwas Geheimnisvolles, etwas ganz Schönes geben. Er trat an eine Grenze und schaute in etwas Unbekanntes und Hoffnungsvolles.

Dieser Zaun und dieses Astloch haben etwas mit Entwicklung zu tun. Der Zaun könnte ein Symbol für die eigene Begrenzung sein und der Blick durch das Astloch führt uns über sie hinweg. Wir können zumindest erahnen, wohin wir uns entwickeln können, wenn wir die Grenze überwinden.

Und was passiert, wenn wir nicht an diesen Zaun treten? Nicht viel. Wahrscheinlich nichts Schlimmes. Wir wissen in der Regel, was auf dieser Seite des Zauns ist und oft können und wollen wir damit gut leben. Vielleicht sind wir gerade nicht in der Lage dazu, an den Zaun zu treten und durch das Astloch zu schauen. Na und? Ich habe früher fast nie durch ein Astloch geschaut und mache es heute oft noch nicht selbstverständlich. Wenn früher jemand gesagt hätte „Nun, schau doch mal durch das Astloch!“, dann hätte ich es wohl erst recht nicht getan.

Jetzt wird es mir immer wichtiger, meinen Standpunkt zu erkennen, den Standpunkt des Zaunes und den des Astloches. Und dann überprüfe ich für mich, ob ich jetzt zur Grenze gehen, über sie hinweg schauen will und was das für mich bedeuten könnte. Und mittlerweile habe ich immer mehr Freude daran, es einfach auszuprobieren und mir nicht mehr allzu viele Gedanken zu machen.

Die Grenze ist der Ort der Entwicklung.

Carmen Thomas

Dieser Satz von Carmen Thomas hat mich direkt angespornt, als ich ihn unlängst gelesen habe. Ich spürte ein inneres Hurra. Sie schreibt nicht, dass der Ort der Entwicklung hinter der Grenze liegt. Und vor der Grenze liegt er ihrer Meinung nach auch nicht. Wo bin denn ich, frage ich mich sofort. Meistens bin ich deutlich davor. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“, denke ich dann. Mache das, von dem du sicher weißt, dass du es kannst, beruhige ich mich häufig. Und es hat eine lange Zeit gedauert, bevor ich merkte, dass ich ruhig an den Zaun treten kann und erst einmal nichts passiert. Und dass ich darüber hinweg oder durch ihn hindurch schauen kann. Und ich war überrascht, dass Menschen von der anderen Seite mit mir gesprochen haben und wir gemeinsam auf Ideen kamen. Und noch überraschender fand ich, dass der Zaun manchmal verschwunden war. Er war sicher noch da. Statt eine Grenze für uns zu sein, stand er nun um uns herum. Und so ist es auch heute noch.

Nun sehe ich in vielen Organisationen kein Gedrängel vor Astlöchern.

Wie können wir den Zugang zu Grenzen erleichtern und den Blick auf Neues ausrichten?

– Bestandsaufnahme: Wo stehen wir und was sehen wir? Wo können wir uns hin entwickeln? Wem können wir begegnen? Welche Erfahrungen haben wir gemacht?

– Kultur: Wann ist die Zeit für Entwicklungen reif? Wo soll es zuerst hingehen? Gestatten wir uns, uns auch einmal nicht zu entwickeln? Wie können wir wertschätzend und entwicklungsfördernd miteinander umgehen? Wie sieht der Rahmen aus?

Begleitung: Wer kann uns in der Organisation unterstützen? Wird die konkrete Entwicklungsmöglichkeit im Team und in der Organisation wahrgenommen, mitgetragen und gefördert?

– Beratung und Coaching: An welchen Stellen kommen wir nicht weiter? Wo gibt es blinde Flecken? Welche Probleme sind aufgetaucht und wie können wir sie bewältigen?

– Erfolge feiern: Nehmen wir Erfolge wahr? Werden sie im Team und in der Organisation gefeiert? Gibt es dazu Rituale?

Ich hoffe, euch fallen noch mehr Fragen und auch Antworten dazu ein.

Übrigens: Wenn sich das Astloch nicht auf Augenhöhe befindet, ist eine suchende Bewegung erlaubt. Sollte sich überhaupt kein Astloch im Zaun befinden, würde ich keines bohren. Diese Bohrer- oder Brechstangen-Methode führt aus meiner Sicht nicht weiter. Sucht lieber nach einem anderen Zaun. 🙂

Viel Erfolg beim Suchen, Finden und Entwickeln.

Inspiriert haben mich insbesondere:

Carmen Thomas, die so erfrischend und lebensnah in ihrem Buch „Reaktanz“ beschreibt, wie wir bei uns selbst und im Team Blind-Widerstände erkennen, überwinden und Entwicklungen möglich machen können. Das Buch möchte ich gerne bei anderer Gelegenheit vorstellen.

Alper Aslan, der auf Twitter sehr eindrucksvolle Thesen zur Lernbegleitung beschrieben hat und diese auch lebt. Entwicklung hat, wenn sie gut läuft, zwangsläufig mit Lernen zu tun. Und Lernen sollte nicht ohne Entwicklung stattfinden.

Herzlichen Dank für die Inspiration!

Titelfoto: Christian Zepke

Ein Kommentar zu „Der Ort der Entwicklung

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: