Fehlerkultur fängt bei mir an

Plakat mit der Aufschrift "Ich bin nicht immer meiner Meinung."

In den Artikeln „Selbstorganisation und das schwarze Loch“ und „Ich bin aus meiner Box gesprungen …“ erzähle ich von dem Kleinen Chef, von seiner Entwicklung, seinen Umwegen und seinen Plänen. Ich habe einiges von ihm erfahren und fühlte mich ihm nahe. Das Gefühl habe ich auch immer noch. Allerdings hatte ich einige Monate lang nichts von ihm gehört.

In der Zwischenzeit beschäfigte ich mich mit ganz unterschiedlichen Themen. Zwischendurch erinnerte ich mich an Worte des Kleinen Chefs und die Fragezeichen, die er immer wieder hatte. Im Nachhinein hatte ich das Gefühl, dass er mir mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben hat. War er unsicher? Wie ist er wirklich mit seinen Fehlern umgegangen?

Ich habe in mehreren Tweets und Artikeln gelesen, dass es gut ist, wenn die Führungskraft ihre Fehler offenlegt und erst dann eine Fehlerkultur für die gesamte Organisation entstehen kann. Das kann ich nachvollziehen. Und wie soll ich es nun konkret machen? Bin ich nicht ohnmächtig, wenn ich zugebe, dass ich nicht weiterkomme? Was sagen die Mitarbeitenden dazu, wenn der Chef von seinen Fehlern spricht? Vielleicht besteht dann der Eindruck, dass ich mehr falsch als richtig mache. Ich spüre, dass es gut ist, auch Schwächen und Defizite offen zu legen und alle einzuladen, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Wie kann ich das machen? Und was ist mit den Fehlern, die ich selbst gar nicht oder erst viel später feststelle? Ich habe dem Kleinen Chef geschrieben und ihn gefragt. Er hat mir innerhalb weniger Tage geantwortet.

Der Kleine Chef schreibt mir

„Hallo Christian,

ich kann Dich gut verstehen. Wie Du schon erkannt hast, habe ich oftmals mehr Fragen als Antworten. Und wenn dann mal eine Antwort kommt, folgen gleich wieder mehrere Fragen. Deshalb habe ich mich entschieden, auch Fragender zu sein. Ich bin mir aber bewusst, dass ich als Führungskraft auch Antworten geben muss. Dir zuliebe will ich es heute vor allem mit Antworten versuchen.

So wie Du es beschrieben hast, ist es auch bei mir. Ich kenne meine Fehler manchmal gar nicht. Durch beständige Selbst- und Fremdreflexion kann ich einige von ihnen erkennen. Das kann Sekunden dauern. Aber auch Jahre, wenn mir Reflexionsvermögen oder ein reflektierendes Außen fehlen. Manchmal befürchte ich, dass ich einige Fehler nie wahrnehme. Aber damit will ich mich jetzt lieber nicht befassen.

Du willst konkret wissen, welche Fehler ich gemacht habe. Das ist natürlich heikel, weil ich weiß, dass Du das dann alles in Deinen Blog schreibst und das Netz meine vielen Fehler nie mehr vergessen wird. Ich finde das beunruhigend und deshalb bleibe ich manchmal lieber im Ungefähren. Ich gehe aber davon aus, dass Du trotzdem etwas damit anfangen kannst. Ich habe einfach mal an einem Nachmittag einen Block neben mich gelegt und immer mal aufgeschrieben, welche Fehler ich gemacht habe. Manches ist weiter unten gelandet, weil es mir erst später eingefallen ist. Anderes liegt oben auf, weil ich mich gerade damit beschäftige. Natürlich gibt es Fehler, die schwergewichtiger sind als andere. Und einige Fehler sind mir auch nicht eingefallen oder ich möchte sie lieber nicht erwähnen.

  • Ich habe das WARUM nicht erklärt.
    Ich lese mittlerweile überall, dass es wichtig ist, das Wofür und Warum zu finden und seine Beweggründe zu erklären. Ich bin immer wieder auf die Nase gefallen, weil ich das nicht getan habe.
  • Ich habe Unklares nicht beseitigt.
    Ich habe gemerkt, dass ich mit meiner Art zu kommunizieren nicht alle erreicht habe. Ich habe nicht ausreichend klar gestellt, was ich gemeint und verstanden habe. Manchmal habe ich sogar Verwirrung gestiftet.
  • Ich war Schlaumeier.
    Ich habe herausgestellt, dass ich es besser kann. Das führte aber nicht weiter. Auch habe ich mein Tempo vorgegeben und nicht die unterschiedlichen Geschwindigkeiten berücksichtigt.
  • Ich war eigensinnig und bin bei meiner Meinung geblieben.
    Ich habe mich von anderen Sichtweisen und Meinungen nicht genügend beeindrucken lassen.
  • Ich war nicht neutral.
    Ich habe etwas persönlich genommen und keinen Abstand zur Sache gehabt.
  • Ich habe wenig Fehler-Toleranz.
    Lange Zeit habe ich Fehler möglichst vermieden. Wenn ich sie gemacht habe, habe ich nicht dazu gestanden.
  • Ich war nicht empathisch.
    Ich habe nicht zugehört und kein Verständnis gehabt.
  • Ich habe Selbstorganisation nicht stringent verfolgt.
    Ich habe nicht für genügend Beteiligung gesorgt. Im Gegenteil habe ich vermittelt, dass Kontrolle von außen notwendig ist. Ich habe Erfolge in Richtung Selbstorganisation nicht deutlich gemacht und nicht ausreichend erklärt, wie es weiter gehen kann.

Wenn ich Dir das schreibe, fühle ich mich, als würde ich mich zu sehr öffnen. Aber wahrscheinlich machen andere Menschen und auch Führungskräfte ähnliche Fehler. Vielleicht trauen sie sich auch, sich zu öffnen.

Als ich meine Fehler und Schwächen notiert habe, wurde mir klar, dass ich gar nicht mehr alles so verkehrt mache und daran arbeite, Fehler nicht mehr so oft zu wiederholen. Ich verbessere mich und muss nicht immer meiner Meinung sein. 🙂 Ich hoffe, das sieht mein Umfeld auch so. Und mehrere Fehler, die ich beschrieben habe, mache ich immer noch. Durch die Vergangenheitsform habe ich mich etwas davon distanziert, merke ich gerade.

„Und ich habe gemerkt, wie gerne ich lerne.“

Und ich habe gemerkt, wie gerne ich lerne. Was ich besonders interessant finde: Ich kann auch meine Stärken besser erkennen und äußern. Ist das nicht schön? Melde Dich mal wieder.

Schöne Grüße.
Kleiner Chef“

Als ich die Antworten des Kleinen Chefs gelesen hatte, war ich wirklich überrascht. Kann ich meine Schwächen und auch meine Stärken auch so offen darstellen? Ja, ich kann mich ändern und schreibe dann jetzt auch mal eine Liste. Und ihr so?

Titelfoto: Christian Zepke

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