Der helle Monat

Herbst-Laub auf nassem Asphalt

Bisher habe ich den November oft als toten und dunklen Monat bezeichnet. Warum denn das? Im Oktober hatten wir meistens noch ganz gutes Wetter. Der Herbst glänzte dann in den schönsten Farben. Gerade in den letzten Jahren hat es im Oktober weniger geregnet, was natürlich grundsätzlich bedenklich ist. Im Oktober sind Herbstferien und wir haben häufig noch einmal Urlaub gemacht. Im November aber nimmt niemand Urlaub. Warum auch? Die nächste freie Zeit folgt schon um Weihnachten und Neujahr.

Kommen wir im November nach Feierabend nach Hause ist es stockdunkel. Die letzten Blätter fallen von den Bäumen, bis alles kahl ist. Es ist ungemütlich. In den Einkaufsstraßen laufen Menschen hektisch hin und her. Alles ist so glanzlos. Das ändert sich erst wieder, wenn die Weihnachtsbeleuchtung brennt. Der Monat November ist einfach tot. Noch dazu gedenken Christen an zwei Tage allen Verstorbenen und besuchen Friedhöfe. Menschen ziehen sich etwas zurück. Das ist nicht schlimm. Bald geht man ja wieder auf andere zu.

Und jetzt ist alles anders.

Aufgrund immer mehr Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert sind, herrschen in diesem November größere Beschränkungen. Kontakte werden reduziert. Freunde treffen sich kaum noch in ihrer Wohnung und können auch kein Restaurant oder eine Bar aufsuchen. Wir treffen uns nicht mehr zum Sport oder zu anderen Aktivitäten. Wer will schon bei diesem Wetter spazieren gehen?

Im November konnten wir uns immer auf den Dezember freuen. Auf zahlreiche Aktivitäten und Begegnungen um Weihnachten und Silvester herum. Jetzt können wir uns nicht mehr freuen, weil niemand weiß, wie sich die Corona-Pandemie im Dezember auswirkt. Wir wissen nicht, ob wir dann auch noch gesund sind, ob Kontakte weiter reduziert und Angehörige und Freunde besonders geschützt werden müssen. Wir wissen nicht, ob wir mal ein paar Tage aus unseren vier Wänden herauskommen.

Ich will einen hellen Monat.

Ich will die Zeit nutzen. Ich will mich besinnen und innehalten. Ich will zeitweise digital abstinent sein. Ich will bewusster leben und Menschen physisch und online gut begegnen. Ich will lernen und mich entwickeln. Ich will die Unsicherheit aushalten und Veränderungen aktiv gestalten. Ja, ich will. Und ich weiß: Das kann ich.

Viele Menschen in meinem Umfeld sind krank, behindert und älter und von Isolation bedroht. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die Unsicherheit noch weniger aushalten können als ich und sich sehr große Sorgen machen. Denken wir daran, dass der Monat nur hell wird, wenn wir nicht nur auf uns sondern auch auf auf unser Gegenüber achten. Ich will einen hellen Monat. Ich will ihn für uns.

Vielleicht wird der Monat trotz meiner Einstellung, meiner guten Vorsätze und der hoffentlich guten Begegnungen nicht hell. Vielleicht wird er grau. Vielleicht brauche ich dabei Unterstützung, das Helle zu sehen oder das Graue besser auszuhalten. Vielleicht ist dann jemand da.

Seien wir füreinander da. Lassen wir den November leben. Leben wir ihn.

Titelfoto: Simone Keuter

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