Da Vinci und der Stern

Was uns in Organisationen leitet.

Wagen im Watt, vor untergehender Sonne

Manchmal denke ich darüber nach, ob ich zu groß denke. Es heißt ja immer: Global denken, lokal handeln. Was ist damit eigentlich gemeint? Wenn wir die Welt etwas besser machen wollen, müssen wir bei uns und vor unserer Haustür anfangen? In etwa so? Eigentlich habe ich meistens zu klein gedacht, glaube ich. Ich habe mich auf meinen kleinen Kosmos beschränkt. Das Schauen über den Tellerrand empfand ich manchmal als anstrengend. So nach dem Motto: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“

Das hat sich verändert. Ich werde mutiger. Und dann sage ich mir manchmal: Jetzt aber bitte nicht größenwahnsinnig werden. Solche Gedanken kommen in der letzten Zeit häufiger in mir auf. Und dann habe ich natürlich auch an den Kleinen Chef gedacht. Ihr kennt ja meine Begegnungen mit ihm. Warum ich gerade bei diesem Thema an ihn gedacht habe? Na ja. Das ergibt sich ja schon aus seinem Namen. Schließlich nennt er sich Kleiner Chef, weil er damit zufrieden ist, nicht groß zu sein. Weil er mir irgendwie nahe ist, wollte ich mich darüber austauschen. Wir haben uns ein paar kurze Mails hin und her geschrieben. Seht selber:

„Hallo Kleiner Chef, ich habe Dir in der Mail vorher schon berichtet, dass ich mich seit einiger Zeit immer mehr in der Lage fühle, größer zu denken und auch Pläne zu machen und Ideen zu entwickeln. Dass ich dann aber auch immer mal wieder auf die Bremse gehe, um nicht abzuheben. Ich habe das Gefühl, dass wir einige Erfahrungen und Haltungen gemeinsam haben. Kennst Du so etwas auch? Und wie gehst Du damit um?“

„Hallo Christian, vielen Dank für Deine Mail. Oh ja, ich kenne das nur zu gut. Einerseits war ich immer sehr bodenständig und bin es meistens auch heute noch. Zum anderen habe ich aber schon früh danach gesucht, wie ich mich weiterentwickeln kann. Es gibt bestimmte Zitate, Gedichte und Geschichten, die mich schon lange Zeit begleiten. Darunter ist ein Zitat, dass ich schon kannte, als ich noch jung war.

Binde deinen Karren an einen Stern.

Leonardo da Vinci

Ich liebe diesen Satz. Sterne wurden damals zu meinem Lieblings-Symbol, was sie übrigens heute noch sind. Mir war schon früher relativ klar, warum es wichtig ist, seinen Karren an einen Stern zu binden. Wenn wir einen vollgeladenen Karren ziehen, merken wir, wie schwer dies oft fällt. Gerade dann, wenn der Boden etwas uneben oder sogar steinig ist. Und wenn wir ihn an eine Kraft binden, die erhoben und erhaben ist, hat der Karren vielmehr Chancen, in Bewegung zu kommen. Und nicht nur irgendwo hin, sondern in die Sternen-Richtung.

Weißt Du, Christian. Dieser Satz war da und hat mir Mut gemacht. Im Alltag habe ich den Stern jedoch oft gar nicht wahrgenommen. Ich war nicht mit ihm verbunden. Oder eben nur selten oder nur mit einem dünnen Seil. Und als ich dann Kleiner Chef wurde, ist mir auch schnell klar geworden, dass ich einmal mehr so einen Stern benötige, mit dem ich mich gut verbinden kann. Ich muss in etwa wissen, wer ich bin und wohin ich will. Und vor allem, wohin die Organisation geht. Auch, um das anderen zu vermitteln und gemeinsam diesen Weg zu gehen. Kennst Du so etwas auch?“

„Hallo Kleiner Chef, oh ja, das kenne ich auch. Es ist nur so, dass ich teilweise gar nicht so genau weiß, wohin es geht. Vielleicht weil ich diesen Stern, von dem Du sprichst, nicht sehe. Irgendwann fragte mich mal jemand, welche Vision ich zu einem bestimmten Thema habe. Und ich habe so etwa in der Art geantwortet: Was brauche ich eine Vision? Ich halte mich da an einen früheren Bundeskanzler, dem Visionen vielleicht auch ein bisschen ungeheuer waren und der lieber was machen wollte.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

Helmut Schmidt

Muss ich wirklich eine Vision haben oder kann ich einfach auch nur einen bestimmten Weg weiter gehen, ohne dass ich genau weiß, wohin es geht? Schau mal, wir leben in unsicheren Zeiten. Vielen Menschen wird durch diese Pandemie bewusst, dass wir keine großen Pläne machen können. Einige von ihnen merken, dass es wichtiger ist, das Hier und Jetzt zu gestalten. Was meinst Du? Brauche ich und noch dazu als Führungskraft wirklich eine Vision?“

„Hallo Christian, na ja, ich glaube, dass es wichtig ist, dass Du weißt, wo Du stehst und wo Du hin willst. Und wenn es um Dein Unternehmen geht und Eure gemeinsamen Schritte solltest Du jedem Beteiligten sagen, in welche Richtung ihr warum gehen könnt. Wenn Du es selbst nicht ganz genau weißt, kannst Du das vielleicht mit ihnen so besprechen. Vielleicht findet ihr als Gruppe oder als Team gemeinsam den richtigen Weg und geht ihn dann auch.

Nun, ob Leonardo da Vinci mit seinem Stern überhaupt eine Vision meinte? Ich weiß es nicht. Vielleicht meinte er auch eher eine Haltung. Vielleicht meinte er etwas, das über das eigene kleine Ich hinausweist. Dass Orientierung gibt. Ich weiß nicht genau, ob ich das richtig ausgedrückt habe. Kannst Du etwas damit anfangen?“

„Hallo Kleiner Chef, ja, auf jeden Fall kann ich etwas damit anfangen. Ich glaube, es ist die Verbindung zu etwas Größerem als uns selbst. Es geht nicht so sehr um eine Vision, sondern ob ich meine Begrenztheit überwinden und über mich hinauswachsen kann und wie ich das mache. Und es geht auch darum, anderen dies ebenfalls zu ermöglichen. Zum Beispiel Menschen, die mit uns arbeiten und mit denen wir etwas gestalten. Es geht nicht darum, sie wie einen Wagen hinter uns herzuziehen. Sondern es geht darum, etwas Größeres als uns selbst zu finden und sich daran zu orientieren. Nich die Führungskraft zieht den Wagen, sondern der Wagen, also die Organisation, orientiert sich an etwas, dass über das Alltagsgeschehen deutlich hinausweist. Meinst Du das?“

„Lieber Christian, ich glaube, wir verstehen uns. Du hast anfangs gefragt, ob es gut ist, wenn Du Ideen und Pläne hast und Du größer denkst, als Du es gewohnt bist. Ich glaube ja.

Es ist aus meiner Sicht aber noch eins wichtig. Möglicherweise sehen wir den Stern nicht immer so klar und dann wird der Weg undeutlich. Das ist nicht schlimm. Denken wir daran, dass wir nicht allein sind. Es gibt in unserem Umfeld, ob es in der Organisation ist, dem Freundeskreis oder der Familie, ja bei Zusammenkünften aller Art, Sternsucher, die uns helfen, den Stern wieder deutlicher zu sehen. Manchmal sind wir selbst Sternsucher, Christian. Und manchmal sollten wir lieber auf andere Menschen vertrauen.“

„Lieber Kleiner Chef, ich bin froh, dass Du das bist und wir in Kontakt sind. Ich danke Dir sehr.“

„Christian, ich danke Dir auch. Ich wünsche Dir … einen Stern … und wenn Du ihn nicht siehst, dann wünsche ich Dir Sternensucher um Dich herum.“

Was meint ihr? Brauchen wir in unseren Organisationen eine gemeinsame Vision? Ist es ein Leitbild, das am wichtigsten ist? Oder geht es vor allem darum, ein gemeinsames Verständnis und eine Haltung zu haben?

Welcher Stern zieht Euren Karren? Ich freue mich über Austausch.

Titelfoto: Christian Zepke

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