Der dicke Hals – Blindwiderstand erkennen und umnutzen

Wer kennt ihn nicht, den dicken Hals oder den harten Bauch? Ich kenne vor allem den harten Bauch. Aber sagt mir nicht mein Hals auch manchmal etwas? Jedenfalls ist der Bauch manchmal hart, wenn ich mich über etwas ärgere oder ich mich plötzlich in einer sehr ungewohnten Situation wiederfinde. Manchmal weiß ich direkt, warum er hart ist. Zum Beispiel befinde ich mich gerade in einem schwierigen Gespräch oder durchdenke dieses später. Schwierige Situationen haben wir doch alle mal. Also brauche ich mir weiter keine Gedanken zu machen?

Was ist Reaktanz?

Besser, ich mache mir Gedanken. Ich weiß zwar so ungefähr, warum ich jetzt dieses komische Gefühl habe. Aber irgendwie auch wieder nicht. Und manchmal habe ich einen harten Bauch oder einen dicken Hals, ohne es nur erahnen zu können, warum das jetzt so ist. Und wenn ich gerade mit anderen Menschen spreche, zum Beispiel in einer Teamkonstellation, macht mein Gefühl irgendetwas mit der Gruppe.

Und das ist eben dieser Blindwiderstand, von der Carmen Thomas in ihrem Buch spricht. Das Fachwort für diesen Blind-Widerstand ist Reaktanz. So auch der Titel ihres erfrischenden und sehr praxisnahen Buches.

Wenn etwas Beschissenes passiert, kann es helfen, die Fähigkeit der Natur nachzuahmen. Die macht aus Mist immer und überall fruchtbaren Nährboden.

Carmen Thomas, Reaktanz

Ich bin nicht auf dieses Buch aufmerksam geworden, weil es diesen etwas sperrigen Titel trägt. Ich habe es erst einmal wahrgenommen, weil es von Carmen Thomas geschrieben ist und weil es um ein besseres Miteinander geht, wie es in dem Untertitel lautet.

Und wer ist Carmen Thomas?

Carmen Thomas ist mir natürlich ein Begriff. Ich bin Mitte der 60er Jahre in Westfalen geboren und habe sie bereits als Jugendlicher und dann auch als Erwachsener immer wieder im Westdeutschen Rundfunk gehört. Ich glaube, dass ich einige aber nicht sehr viele ihrer außergewöhnlichen Mitmach-Sendungen bewusst angehört habe. Der glockenklare Klang ihrer Stimme ist mir jedoch noch immer präsent.

Und dann habe ich gemeinsam mit einer Freundin das Buch gelesen und bearbeitet. Schon zwischendurch habe ich Frau Thomas in den Sozialen Medien geschrieben, wie besonders ich ihr Werk finde. Und sie hat sogar geantwortet. Yeah, Carmen Thomas hat mir geschrieben, habe ich dann meinem Umfeld erzählt. Da kamen unterschiedlichen Reaktionen von „Wow“ bis „Wer ist Carmen Thomas?“ Alle, die einige Jahre jünger waren als ich, hatten noch nie etwas von ihr gehört.

Carmen Thomas war und ist heute eine Frau mit viel Humor, Wissen und der Fähigkeit, wichtige Sachverhalte auf eine sehr verständliche Art nahezubringen. Ob damals im Radio oder jetzt als Coach für Führungskräfte und Teams und als Autorin dieses Buches: Man muss einfach hinhören oder hin-lesen.

Hinhören und Gehörtes umnutzen

„Hinhören“ ist ein gutes Stichwort. Wenn wir Blindwiderstand bei uns oder anderen erkennen, ist es nach ihrer Aussage wichtig, zuzuhören, hinzuhören, dahinter zu hören und Gehörtes umzunutzen. Blindwiderstand tritt übrigens überall auf, natürlich auch in Organisationen und in Teams. Gerne übrigens gegenüber Chefs. 🙂 Und es ist eben sehr wichtig, diesen Blindwiderstand zu durchschauen und damit zu vermindern, um dann schließlich zu einem besseren Miteinander zu kommen.

Carmen Thomas hat sich in ihrem Buch auch immer wieder auf bestimmte Radiosendungen bezogen. Ich habe mich zuerst gefragt, ob es eine gute Idee ist, da viele junge Leute ☺ die Sendungen gar nicht gehört haben. Die Beschreibungen ihrer damaligen Erfahrungen ist jedoch so lebendig, dass man gar nicht leibhaftig dabei gewesen muss. Und beim Lesen dieser Geschichten ist bei mir der Groschen gefallen, nachdem ich anfangs noch Widerstand gegenüber dem Begriff „Reaktanz“ hatte.

Die Geschichte über den furchtbar wichtigen Mann

Eine dieser Geschichten hat mich sehr berührt und ich werde sie nicht mehr vergessen. Carmen Thomas erzählt von einem besonderen Erlebnis, dass sie in einer Radiosendung mit Experten und den Zuschauern über das Thema „Herz“ hatte. Das Herz wurde aus medizinischer, psychologischer und theologischer Sicht betrachtet. Und dann passierte etwas.

Ein „grauer Mann, mit grauer Kleidung, mit grauen Haaren, mit einem grauen Gesicht“ trat auf und hat „mit einer grauenhaft monotonen Stimme gesprochen“ und Verbesserungen im Rettungswesen angemahnt.

Carmen Thomas berichtet weiter, dass sie zuerst daran gedacht hat, dass dieser Teilnehmer mit seinem scheinbar unpassenden Beitrag die ganze Sendung kaputt macht. Sie habe sich dann jedoch schnell klar gemacht, dass dieser Mensch auch eine gute und helle Seite haben muss und ihre Haltung und ihre Frageweise geändert. Und dann habe der Mann erzählt, dass er seinen Freund ins Krankenhaus gefahren hat, weil der Rettungswagen nicht gekommen sei. Und dass der Freund auf dem Beifahrersitz neben ihm gestorben sei.

Erst jetzt sah Carmen Thomas die Tränen in den Augen des Mannes und verstand, dass „die tonlose Stimme seine Schuldgefühle spiegelten, weil er nicht hatte helfen können und vielleicht sogar befürchtete, den Tod seines besten Freundes mitverschuldet zu haben.“ Weiter wird beschrieben, „dass eine Expertin zu ihm sagte, „was ihm sein Freund für ein Geschenk gemacht habe, indem er sich ihm zum Sterben ausgesucht habe ….“

Und Carmen Thomas beschreibt, dass „aus dem furchtbaren Mann ein furchtbar wichtiger Mann“ wurde. Durch diese Geschichte habe sie gelernt, dass es sich lohne, „mindestens den kleinen weißen Punkt in der schwarzen Hälfte zu finden.“ Wow, ich habe es so gut verstanden und achte in meinem beruflichen und privaten Umfeld jetzt einmal mehr auf die weißen Punkte in der oft nur vermeintlich schwarzen Hälfte.

Ein Übungs-Buch

Das Buch hält sehr viele interessante und anschauliche Geschichten bereit. Es finden sich leicht anwendbare Übungen, um Teams zu stärken und Gruppen-Klugheit zu entfalten. Und miteinander zu reden, bezieht sich nicht nur auf das Team sondern zum Beispiel die Kommunikation zwischen Führungskraft und Team. Wenn Mitarbeitende so viele Blindwiderstände haben, sodass sie dem Chef gar keine Rückmeldungen geben, fehlt diesem – wie Carmen Thomas es nennt – der so wichtige Außenspiegel. Sie empfiehlt also auch der Führungskraft den Blindwiderstand zu vermindern, die Kommunikation zu verbessern und sich von den Mitarbeitenden beraten zu lassen.

Kennt Ihr Blindwiderstand?

Reagiert Ihr reaktant, wenn Ihr bevormundet werdet, wenn Streit im Team ist oder jemand ungerecht behandelt wird? Und was macht Ihr dann? Ihr wisst es nicht? Dann lest oder hört einfach das Buch und übt. Es lohnt sich.

Um einen Eindruck zu bekommen, empfehle ich die beiden kleinen Podcasts 28 und 29, die HiddenCandidates mit Carmen Thomas geführt haben.

Sehr schön finde ich, dass ich das Buch nicht nur einmal gelesen und weggelegt habe sondern mich immer wieder an Teile erinnere und Übungen entnehme. Das Buch lebt sozusagen.

Danke, Carmen Thomas. 🙏

Titelfoto: Christian Zepke

Zeichnung: Auch von mir. Besser kann ich es (noch) nicht. 🙂

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