Das Wichtige schätzen

Skulptur "Liegender Buddha". Dahinter ein kleiner Bach. Im Vordergrund eine Wiese.

Ich bin vor mehreren Wochen auf einen schönen Artikel in der Zeit aufmerksam geworden, in dem beschrieben wird, wie viel Kraft uns die Pandemie kostet. Dass wir erschöpft sein dürfen und diese Zeit uns zeigt, was wir wirklich brauchen.

Ja, uns erschöpft diese soziale Distanz. Diese manchmal nicht enden wollenden Online-Formate, bei denen alles durchstrukturiert und irgendwie auch optimiert ist. Der Kaffeeklatsch fehlt. Die Begegnung mit der Kollegin, die Mut zuspricht und umarmt. Doch manchmal gibt es Gegenbewegungen, wie zum Beispiel hier zu erkennen ist.👇 Danke, Sebastian für die Inspiration.

Im letzten Absatz des erwähnten Zeit-Artikels werden einige Möglichkeiten benannt, in unsere Kraft zu kommen:

  • Routinen entwickeln
  • Rituale pflegen
  • das Wichtige schätzen
  • Kontakt halten
  • sich der eigenen Kraftlosigkeit hingeben, statt mit ihr zu hadern
  • schlafen.

Ich möchte diese – sich fast banal anhörenden – Möglichkeiten aus Sicht einer Organisation oder eines Teams beleuchten.

Routinen entwickeln

Häufig gibt es schon ganz viele Routinen. Passen sie noch zur jetzigen Situation? Während wir sonst vielleicht noch Unterlagen persönlich abgegeben haben (ja, das soll es geben) läuft jetzt alles online. Möglicherweise wird viel weniger Papier verbraucht und Menschen müssen nicht mehr von A nach B reisen und es können Ressourcen eingespart werden. Nur fehlt uns dann die Bewegung und der damit verbundene Austausch oder die Pause auf dem Arbeitsweg. Es fehlt uns etwas, das wir anfassen können. Welche Alternativen haben wir? Ich habe zu mehreren Teamsitzungen kraftvoll die Klangschale geschlagen und für einen Moment der Ruhe gesorgt. Was können wir noch tun? Wie können wir an vorhandenen Routinen anknüpfen?

Rituale pflegen

Viele haben schon länger in physischen Teamsitzungen ein Check-In und ein Check-Out gemacht. Das kann für Online-Sitzungen abgewandelt und perfektioniert werden. Nein, wir sind keine Maschinen. Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir sind Menschen mit Gefühlen und einem Körper. In Online-Sitzungen sehen wir wenig von unserem Gegenüber. Wie machen wir uns sichtbar? Welche Gewohnheiten können wir ausbauen und was lassen wir lieber sein? Wie gestalten wir das Miteinander? Müssen wir alle in der Kachel erkennbar sein oder können wir uns auch manchmal ins Halbdunkel zurückziehen oder die Kamera sogar ausmachen? Und was bedeutet es, wenn wir ein Gesicht immer nur halb sehen? Machen wir uns das deutlich?

Mein Vorschlag ist, sich in Teamsitzungen regelmäßig auf unser Gegenüber zu konzentrieren und ein wertschätzendes Feedback abzugeben. „Du siehst nicht in die Kamera. Ich würde so gerne in deine schönen blauen Augen schauen.“ „Ich möchte sehen, wie deine Falten fröhlich tanzen, wenn du lächelst.“ Es darf übrigens auch Meetings geben, wo die persönlichen Belastungen mehr Platz haben. Vielleicht können wir manchmal einen Tagesordnungspunkt „Auskotzen“ einführen. Wie immer, ist es auch hier wichtig, das Thema möglichst mit Wohlwollen und etwas Hoffnungsvollem abzuschließen.

Kontakt halten

Lasst uns nicht nur online kommunizieren. Legt in das Postfach Eurer Kollegin einen kleinen handgeschriebenen Zettel oder eine Tafel Schokolade oder beides. Zeichnet einen Smiley und heftet ihn dem Kollegen an seinen PC. Singt einen Geburtstagsgruß per Sprachnachricht, wenn es gerade nicht persönlich geht. Und verhaspelt Euch ruhig beim Singen. Das macht es noch schöner. Lasst uns in Kontakt bleiben. Ja, das geht auch online.

Nicht mit der eigenen Kraftlosigkeit hadern

Kannst Du Deiner Chefin sagen, wie kraftlos Du Dich fühlst und Dir die Energien schwinden? Entlastest Du Dich bei Kolleg*innen? Gerade in Online-Meetings aber auch sonst merken wir, wie wichtig Pausen sind. Wir merken, wie wichtig es ist, dass wir ein Gegenüber haben, das uns sagt: „Alles wird gut.“ „Das könntest Du vielleicht anders machen.“ „Pass auf Dich auf.“ Lasst uns kraftlose Zeiten anerkennen.

Das Wichtige schätzen

An diesen drei Worten, die zwischen den anderen genannten Möglichkeiten, sich selbst und anderen nahe zu kommen, fast verschwinden, bin ich bis heute hängen geblieben. Das Wichtige schätzen? Was ist das Wichtige? Lasst es uns gemeinsam herausfinden, in dem wir uns darüber austauschen.

Was ist schwer und was macht es leichter? Da kommen ganz bestimmt sehr unterschiedliche Haltungen und Meinungen zum Vorschein. Lasst uns alle würdigen. Lasst uns würdigen, dass Kolleg*innen möglichst wenig Belastungen am Arbeitsplatz haben wollen, weil sie ihre Energie für ihre Familie brauchen. Lasst es uns schätzen, wenn der Kollege im Homeoffice bleibt, weil er Angst um seine Gesundheit hat. Lacht mit der Kollegin, für die ihr Humor gerade lebensrettend ist. Und achtet auf den, der sich um Achtsamkeit bemüht. Seid verbunden mit allen, die oft allein sind.

Ja, die Verbundenheit. Das ist vielleicht für mich das Wichtige. Verbundenheit mit mir selbst, mit den Kolleg*innen und mit der Organisation. Was braucht die Organisation und was braucht das Team und wie kann ich das mit meinen Bedürfnissen zusammenbringen?

Lasst uns miteinander reden … und schweigen … und fühlen.🙏

Titelfoto: Christian Zepke

6 Kommentare zu „Das Wichtige schätzen

Gib deinen ab

  1. Danke Christian, es macht Mut zu lesen das man selber nicht alleine ist – Wir alle haben darin mehr oder weniger stark zu leiden – Und die Offenheit, damit auch an die Öffentlichkeit zu 🚶‍♀️- Hilft bestimmt Anderen auch dieses mitzuteilen.
    Ich persönlich finde den Agenda Punkt „Auskotzen“ super, spüre immer in persönlichen Gesprächen wie das den Sprecher befreit – Sollten wir öfter machen

    Gefällt mir

    1. Danke für die Rückmeldung, Sebastian. Ja, manchmal muss man es einfach deutlich sprechen, damit es bei uns ankommt. Ja, wir können uns auskotzen und irgendwas kann auch scheiße sein. Vielleicht kann man dann später sagen: Das ist eine schöne Scheisse. 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. … lasst uns miteinander reden, schweigen und fühlen …. wunderbar geschrieben, Lieber Christian, berührend!!

    Danke für diese Zeilen und auch auf die Verlinkung zu Sebastians Experiment – sehr cooler Input!

    Liebe Grüsse aus Zürich, Bianca

    Gefällt mir

  3. Das Wichtige schätzen. Das Wichtige für mich ist geworden meine Zeit zum Nachdenken und Erinnern…

    Die Zeilen zur Verbundenheit haben mich sehr angesprochen…
    Schön, dass Du das geschrieben hast, Christian!

    Viele Grüße
    Heinz

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: