Das FÜR ist immer auch ein MIT

Von den Besonderheiten Sozialer Arbeit und ihren Organisationen

Ein Blog-Gespräch

Heinz Tichelbäcker und ich haben früher auf vertrauensvolle und fruchtbare Weise zusammengearbeitet. Wir treffen uns weiterhin physisch und online. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass wir uns zusätzlich einmal an eine „Brieffreundschaft“ wagen. Heinz war direkt einverstanden. Und das ist dabei herausgekommen:

Hallo Heinz, wir beiden haben uns zuletzt darüber unterhalten, was in unserem sozialen Bereich im Gegensatz zu wirtschaftlich orientierten Bereichen anders ist. Es gibt doch einige Besonderheiten.

Liegt es daran, dass unsere “Kund*innen”, also die Menschen mit Unterstützungsbedarf, die Rechnung nicht zahlen? Gibt unsere Arbeit per se Sinn und haben wir deshalb einen Vorteil? Sind Sozialarbeitende prädestiniert, selbstorganisiert zu handeln? Solche und weitere Fragen beschäftigen mich sehr.

Ich möchte mit Dir darüber ins Gespräch kommen und mir und vielleicht auch anderen ein bisschen Klarheit verschaffen. Hast Du vielleicht schon eine Antwort oder sogar noch weitere Fragen?

Guten Tag Christian, ich danke Dir für die Einladung zu dieser Art des Gesprächs, die für mich neu ist. Ich freue mich, mit Dir über Organisationen in der sozialen Arbeit unterhalten zu können. Und ich bin gespannt, ob wir die in unserem Thema vorausgesetzten Besonderheiten finden und beschreiben können. Ich habe es immer so empfunden, dass soziale Organisationen besonders agieren – vielleicht auch müssen. Du zählst ja auch gleich einige mögliche Besonderheiten auf.

Mich interessiert weiter noch, welche Interaktionen dabei entstehen, weil es nicht nur die Beziehung von Kunde oder Kundin und Organisation ist. Wie werden die Interaktionen besprochen? Wie können sie für die Kund*innen genutzt werden? Welche Effekte hat das auf die Entwicklung der Organisation? Natürlich darf die Frage nicht fehlen, wie Organisationen die soziale Arbeit prägen. Der Bogen ist für mich nicht so klein, wie ich es im ersten Anlauf gesehen habe.

Meine Erfahrungen kommen aus der stationären und ambulanten Unterstützung von Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung und solchen, die durch besondere Lebensumstände meist im Zusammenhang mit Wohnungslosigkeit auf Unterstützung angewiesen waren. Ich habe das Bedürfnis hier konkreter zu werden, damit wir nicht eine Theorie besprechen. Wie siehst Du das?

Soziale Arbeit und ihre Organisationen – Sind wir besonders?

Hallo Heinz, Du hast recht. Das ist wirklich ein großes Thema. Es ist wirklich notwendig, hier in die Konkretisierung zu gehen. Wenn Du von den Interaktionen sprichst, denke ich auch sofort an die Aufträge des Gesetzgebers und die Kommunikation mit den Kostenträgern. Aber auch die Zusammenarbeit mit anderen Anspruchsgruppen wie Angehörigen, sozialen Diensten und weiteren Unterstützern sind bei uns bedeutsam.

In der Organisation, in der und für die ich tätig bin, beschäftigen wir uns seit längerem intensiv mit unserer Entwicklung. Dies machen wir mit dem Ziel, dass die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, selbstbestimmt und selbstorganisiert handeln können. Ich habe den Eindruck, dass sich die von uns unterstützten Menschen entfalten können, wenn wir uns entfalten können. Dieser Zusammenhang ist zum Beispiel aus meiner Sicht eine wichtige Besonderheit für Organisationen sozialer Arbeit.

Eine andere Überlegung von mir ist immer wieder, dass wir Sozialarbeitenden mit Professionen aus ganz anderen Bereichen zusammenarbeiten und wir uns gegenseitig befruchten könnten. Wir können einiges, was viele in anderen Bereichen nicht so gut können. Und diese können einiges, was wir nicht so gut beherrschen. Zum Beispiel würde uns im sozialen Bereich etwas mehr Betriebswirtschaft ganz gut tun, da wir uns gewissermaßen auch auf einem Markt befinden. Und Menschen aus der Betriebswirtschaft könnten von uns profitieren, wenn es um die Anwendung psychosozialer Kompetenzen geht. Diese Zusammenarbeit findet aus meiner Sicht aber kaum statt, weil die Besonderheiten und damit die Unterschiedlichkeiten so gravierend sind, dass wir uns kaum begegnen. Fällt Dir dazu etwas ein oder möchtest Du es ergänzen?

Selbstbestimmtes Leben und selbstorganisierte Teams – Zwei Seiten einer Medaille?

Wenn Du die Entwicklung Eurer Organisation beschreibst, Christian, die bei Mitarbeitern Selbstbestimmung und Selbstorganisation entwickeln hilft und auch die Entfaltung der Menschen, die ihr unterstützt, in diesem Sinne voranbringt, dann ist es ein gutes Beispiel für die Interaktion von Systemen und ihre gegenseitige Beeinflussung. Aus systemischer Sicht eine sehr stimmige Strategie!

Die Entfaltung, die Ihr mit Eurer Arbeit erreichen wollt, wird durch die Abhängigkeit der Klient*innen vom Kostenträger begrenzt. Die Unterstützung suchende Person kann nicht auf Augenhöhe mit Euch kommunizieren, weil sie nicht den Auftrag an Euch geben und Euch nicht bezahlen kann. Ja, sie kann Euch ablehnen, das ist richtig. Aber Partner in vollem Sinne ist sie nicht, und das beeinflusst ihr Gefühl, ihren Status und ihre Kommunikation.

Als man vor Jahren das Arzt-Patienten-Verhältnis erforschte, stellte man fest – ich vereinfache einmal grob -, dass Patienten in der Schweiz anders mit ihrem Arzt sprechen als Patienten in Deutschland. Man stellte fest, dass Schweizer mit ihrem Arzt mehr besprechen, ihn nachdrücklicher befragen nach seiner Vorgehensweise und auch kritischer mit seinen Vorschlägen umgehen. Ein Faktor, der dabei wirkt, ist die Tatsache, dass die Patienten die Rechnung erhalten, die Positionen und Kosten sehen und schließlich bezahlen, in dem Sie Ihrer Versicherung die Freigabe erteilen und eventuell noch einen Eigenanteil übernehmen. Auch wenn ich das Setting dieser Untersuchung nur schemenhaft wiedergeben kann, machte das Ergebnis deutlich, wie die Art der Rechnungsstellung und Bezahlung die Interaktion beeinflusst.

In der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen gibt es die Möglichkeit des Persönlichen Budgets. Der Mensch, der die Unterstützung in Anspruch nimmt, bezahlt damit alle dazugehörigen Hilfsmaßnahmen mit dem Geld, das er als vereinbartes Budget für einen Zeitraum zur Verfügung gestellt bekommen hat. Ich würde gern herausfinden, ob es das Potential hat, die Entfaltung der Menschen, die Unterstützung annehmen, zu befördern. Welche Erfahrungen hast Du gemacht im Verhältnis zu den Menschen, die ihr unterstützt, wenn sie ein Persönliches Budget haben? Birgt es nach Deiner Einschätzung eine Entwicklungsmöglichkeit im oben angedeuteten Sinn?

Diese Frage kann ich Dir leider nicht beantworten, Heinz. Ich kenne leider niemand, der dieses Budget in Anspruch genommen hat. Du hast mich jetzt angeregt, einmal bei den Kolleg*innen und dem Kostenträger nachzufragen. Ich halte das Persönliche Budget grundsätzlich für ein gutes Instrument, damit sich die Person mit Unterstützungsbedarf seine Leistungen selber kaufen und sich so wirkliche Selbstbestimmung zeigen kann. Es gibt jedoch vielfältige Hürden, angefangen mit der Verwaltung des Budgets. Hinter den Kostenträgern steht der Gesetzgeber, der die Verwendung der Mittel verständlicherweise an Vorgaben knüpft. Also der Kostenträger gibt nicht nur das Geld, sondern sagt auch, wie die Leistungen verwendet werden sollen.

Wir im Restaurant – ein hilfreiches Bild?

Ich habe das Bild von einem Restaurant. Da wird die Rechnung ja auch nicht ohne den Wirt gemacht. Der Kostenträger ist zum Beispiel der Wirt, wir als Leistungsanbieter sind die Köch*innen und Kellner*innen und dann gibt es natürlich die Gäste. Das Bild kann ich jedoch nur begrenzt verwenden. Als Gast kann ich das Restaurant auswählen. Will ich italienisch oder thailändisch essen? Ist die Bedienung freundlich? Ist der Raum nach meinem Geschmack eingerichtet? Und schmeckt mir das Essen? Wenn irgendetwas nicht nach meiner Zufriedenheit ist, kann ich beim nächsten Mal ein anderes Restaurant besuchen.

Das können die Menschen, die wir unterstützen, nur sehr begrenzt. Du hast am Beispiel des Persönlichen Budgets von den Rahmenbedingungen gesprochen, die wir so gestalten sollten, dass sie dazu führen, dass Menschen ihre Situation selbstbestimmt verbessern und sich entfalten können. Das ist wichtig. Aber genauso wichtig erscheint mir, dass wir Menschen befähigen, kritisch zu sein und zu prüfen. Wir dürfen Menschen ermuntern, zu sagen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Wir dürfen Ihnen immer wieder Wahlmöglichkeiten nahe bringen. Ich glaube, es ist vieles nötig, damit sich die Situation der Menschen, die wir unterstützen, verändert. Ich versuche es hier mit diesem Bild des Restaurants darzustellen:

  • Die Eigentümer (Gesetzgeber) schaffen den übergeordneten Rahmen und die Wirte (Kostenträger) sorgen dafür, dass sich die Investitionen “rechnen”.
  • Die Küche und die Bedienung (Leistungsanbieter) gestaltet die Beziehung mit den Gästen und den konkreten Rahmen sowie die Interventionen.
  • Die Gäste (Personen mit Unterstützungsbedarf) geben Rückmeldungen zur Verbesserungen der Leistungen. Sie stillen ihre Bedürfnisse, verbessern ihre Situation und entwickeln sich weiter.

Natürlich hinkt der Vergleich. Sagst Du in einem Restaurant immer, wenn es Dir nicht so gut geschmeckt hat? Ich bin zum Beispiel manchmal in ein Restaurant gegangen, um Freunde zu treffen, obwohl ich es dort gar nicht so gut fand. Unsere Kostenträger müssen so viele Dimensionen mehr betrachten als Wirte oder Eigentümer eines Restaurants. Und Menschen, die wir unterstützen, nehmen nicht nur ein Produkt (das Essen), sondern es entwickelt sich etwas aus der Beziehung mit den Unterstützern. Und ich habe noch nie eine Bedienung erlebt, die gesagt hat, dass ich auch gerne einmal das Restaurant auf der anderen Straßenseite besuchen kann. Warum sollte das nicht gehen? Ich wäre verwundert und würde mich bedanken.

Ja, es hinkt und hakt alles. Das Bild ist nur sehr begrenzt brauchbar. Und trotzdem bringt es uns vielleicht auf die Idee, unsere Arbeit in verschiedenen Dimensionen zu betrachten und einfach mal irgendwo anzufangen. Was meinst Du?

Wirt, Service und Gäste – Wer schafft Wahlmöglichkeiten und wer wählt aus?

Lass es uns versuchen, Christian! Am meisten hat mich an diesem Bild die Wahlmöglichkeiten beeindruckt, die wir mit unserer Arbeit in einer sozialen Organisation den Menschen, die wir unterstützen, eröffnen. Ich stelle mir ihre Situation wie eine Sackgasse vor, in der sie kaum mehr eine Wahl haben. Eine Wahl zu haben, unterstützt ihr Bedürfnis nach Autonomie und birgt eine Chance mehr zu einer Lösung.

Im Bild des Restaurants stellt das hohe Ansprüche an den Service. Er ist immer mit dem Auftrag verbunden, kreativ zu sein und Wahlmöglichkeiten zu kreieren. In der realen Situation kann die Person mit Unterstützungsbedarf angeleitet werden, auch selbst in dieser Weise aktiv zu werden und Möglichkeiten zu entwickeln. Was geschieht in unserem Bild, wenn der Gast einen Wunsch hat, der gar nicht im Bereich der Vorstellungen des Service und der Küche liegt? Im Sinne des Wirtes ist es, dem Gast möglichst viel zu ermöglichen. Die Grenze bilden die Vorgaben des Eigentümers.

Küche und Service haben auch nur begrenzte Möglichkeiten. Darauf wird der Gast zunächst hingewiesen und ihm dann ein Menü entsprechend seinen Wünschen vorgeschlagen. In der realen Situation geben die Wünsche des „Gastes“ Hinweise auf seine Befindlichkeit und es entwickelt sich etwas aus dieser Beziehung, wie Du es schreibst. Für mich steckt darin ein Schlüssel… Ich gehe viel lieber in ein Restaurant, in dem ich mit der Bedienung schon einmal mehr Worte als nur die nötigsten für die Bestellung gewechselt habe, ja, wo vielleicht auch etwas zurückkommt, ein Gespräch beginnt … (Sind so nicht die niederschwelligen Angebote wie Treffs und Cafés entwickelt worden?!).

Die Besonderheit der sozialen Organisation hat damit zu tun. Am Anfang steht eine Begegnung, in der der “Gast” als Person angesprochen wird und nicht nur seine Bestellung wichtig ist. Mitarbeitende von sozialen Organisationen haben viel drauf, um an diesen Punkt zu kommen, und mit dem, der Unterstützung sucht, die eben angesprochenen Wahlmöglichkeiten zu entwickeln. Es sind aber noch weitere Gäste im Restaurant. Kann die Bedienung mit ihnen ebenso verfahren? Reicht die Kapazität? Wird der Service personell verstärkt? Die Regelungen in der ambulanten Betreuung haben als Basis den individuellen Bedarf. Die Gäste werden also in unserem Bereich gut versorgt.

Bei dem Bild mit dem Restaurant haben wir noch nicht darüber gesprochen, wie der Mensch, der Unterstützung braucht, dorthin kommt. Die Organisation, für die ich lange Zeit verantwortlich war, unterstützte Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen. Die Bereitschaft dieser Menschen, sich „in das Restaurant“ zu begeben, war kaum vorhanden. Sie hatten – um im Bild zu bleiben – keinen Hunger oder Durst. Wünsche zu äußern und statt Suchtmittel zu konsumieren, anderes Verhalten zu überlegen und auszuprobieren, war wenig vorhanden. Gleichzeitig verschlechterte sich ihre Gesundheit, der Druck von außen wuchs (Familie, Arbeitsplatz, Justiz…). Wie kommen diese Menschen in das Restaurant?

Zur Besonderheit sozialer Organisationen gehört für mich das Interesse, was die Menschen, die Unterstützung brauchen, vor der Tür der Organisationen machen… Bei Restaurants in Touristengegenden gibt es oft jemanden, der Gäste mit freundlicher Anrede und Humor einlädt, hereinzukommen und Platz zu nehmen.
Ein Modell …? Christian, Du siehst: mich hat das Bild angeregt…!

Hallo Heinz, es freut mich, dass Du auf Gedanken gekommen bist. Und ich merke gerade, dass dieses Bild des Restaurants, in dem die von uns unterstützten Menschen Gäste sind, Grenzen hat. Gerade in unserer ambulanten Unterstützung ist es so, dass wir zu den Menschen gehen und sie gar nicht unbedingt zu uns kommen müssen. Dann sind nämlich wir der Gast.

Es ist für die Menschen mit Unterstützungsbedarf unglaublich wichtig, auch in der Rolle zu sein, Gäste zu empfangen. Sie haben es in der Hand, die Türe aufzumachen oder auch nicht. Sie geben sich in ihrer Wohnung so, wie sie sich fühlen und wie sie sich geben wollen. Sie sind dann in einer anderen Rolle. Und die Unterstützer*innen sind vielleicht in der Rolle des Lieferdienstes, der Angebote macht und der von uns unterstützte Mensch sucht sich etwas heraus, was ihm “schmeckt”.

So einfach ist es allerdings auch wieder nicht. Die Menschen, die wir unterstützen können zwar eine Auswahl treffen, aber sie muss im Rahmen der Vorgaben des Kostenträgers sein. Die Bestell-Möglichkeit ist also sehr begrenzt. Wie Du schon sagst: Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung würden sich vielleicht kein reichhaltiges Essen aussuchen sondern sich eher auf die Getränkeauswahl konzentrieren. Deswegen hat auch der Dienstleistungscharakter, der in unseren Bereich mehr und mehr eingezogen ist, enge Grenzen. Ich spreche lieber nicht davon, dass wir Dienstleistungen anbieten und die Menschen mit Unterstützungsbedarf alles aussuchen können, was sie nutzen möchten. Wie siehst Du das?

Und dann hast Du noch ein anderes Thema angeschnitten, was mit dem Dienstleistungscharakter unserer Leistungen zu tun hat. Stehen wir quasi vor der Tür des Restaurants und laden freundlich und einfühlsam ein? Ich glaube, auch da kommt es wieder darauf an. Wir sind sicher keine Entertainer und sollten es auch nicht sein. Auf der anderen Seite ist es notwendig, eine wohlwollende und professionelle Beziehung herzustellen und die Begegnungen in einer guten Atmosphäre stattfinden zu lassen. Es geht nicht darum, unsere Leistungen zu verkaufen, sondern die Grundlagen dafür zu schaffen, dass die passenden Leistungen überhaupt angenommen werden können und zum Erfolg führen. Und ein wichtiger Punkt fällt mir gerade noch ein. Wir sollten nicht mehr anbieten, als gut und nötig ist. Ist der Gast satt, kann er das Restaurant gerne wieder verlassen. 🙂

Ja, die Aussage über die Bedingungen, die es erst ermöglichen, dass Leistungen angenommen werden, gefällt mir sehr gut, Christian! Gerade als Anbieter von Leistungen für abhängigkeitskranke Menschen hatten wir damit immer wieder Probleme beim Kostenträger. Es begegnete uns Unverständnis darüber, dass Personen, die Unterstützung brauchen, in der Eigenwahrnehmung eher das Angebot für nicht nötig erachteten. Die Menschen meinten, dass sie für sich selbst sorgen können und nahmen die Unterstützung nur begrenzt an. Dann kam allerdings der Einwand vom Kostenträger, es würde die Mitwirkung fehlen.

Die Wahl eines Angebotes setzt schon viel voraus. Gerade die Sicht auf die eigene Situation und Entwicklung ist beim betroffenen Menschen in der Regel verstellt, unvollständig oder verzerrt. Da ist von Seiten der Mitarbeiter in den sozialen Organisationen viel Geschick und Professionalität erforderlich, um mit den Menschen mit Unterstützungsbedarf eine gemeinsame Sicht für die nächsten Schritte zu erarbeiten.

Dimensionen von Partizipation – Die Dynamik aufnehmen und nutzen?!

Die Mitarbeiter in den sozialen Organisationen sind auch selber in einer Gastsituation, um noch einmal das Bild vom Restaurant zu bemühen. Wir hatten sie als Mitarbeiter des Restaurants identifiziert. In ihrer eigenen Organisation sind sie in einer vergleichbaren Situation wie die Gäste im Restaurant. Sie orientieren sich, wählen einen bestimmten Arbeitsbereich, äußern Wünsche, wollen als Person wahrgenommen werden. Das Bild hat für unseren Austausch Grenzen, das merke ich hier. Durch Begegnung und Austausch entwickeln sie ihre Person und ihr professionelles Handeln. Das wir durch unser Bild nicht ganz erfasst.

Etwas theoretischer könnte ich auch sagen: Mitarbeitende in sozialen Organisationen spiegeln in ihrer Arbeitssituation ihr Handeln in der Organisation und umgekehrt. Natürlich ist das auch in den anderen Organisationen als den sozialen so. Ich glaube, in der sozialen Arbeit ist die Person der Mitarbeiterin, des Mitarbeiters noch mehr beansprucht.

Diese Sicht auf den Zusammenhang der eigenen Situation in der Organisation mit der in der täglichen Arbeit mit den Menschen, die Unterstützung suchen, halte ich für bedeutend und weitreichend. Sie ermöglicht die Dynamik in dem einen Bereich für den anderen Bereich zu nutzen. Organisations- und Personalentwicklung entwickelt eben auch immer die Arbeit mit den Menschen, die wir unterstützen wollen.

Damit bin ich fast nebenbei bei der Bedeutung von Organisation für die soziale Arbeit angelangt. Dieser Bereich wird oft – meine ich – unterschätzt. Da ist es gut, dass Qualitätssicherung heute diesen Aspekt sozialer Arbeit in den Fokus nimmt. Was prägt für Dich die Rolle der Organisation in der sozialen Arbeit?

Vielen Dank, Heinz. Da sprichst Du einen für mich sehr wichtigen Bereich an. Ich würde es als unterschiedliche Dimensionen von Partizipation bezeichnen, die wir leben können. Einmal geht es darum, den von uns unterstützten Menschen zu ermöglichen und sie zu befähigen, am alltäglichen Leben teilzunehmen. Es geht ebenfalls darum, in der Organisation Partizipation zu gestalten.

Ich habe es erlebt, dass die Partizipation in der Organisation Mitarbeitenden hilft, Erlebtes auch in der Arbeit vor Ort umzusetzen. Du hast mich an die Fähigkeiten von uns Sozialarbeitenden, die sie schon in die Organisation mitbringen, erinnert. Es ist nämlich genauso möglich und auch ganz wichtig, dass Sozialarbeitende ihre Erfahrungen mit den Klient*innen auch in der Organisation nutzen und die Organisation somit partizipativ beziehungsweise selbstorganisiert gestalten und weiterentwickeln.

Was gehört dazu, diese Dynamik und diese Möglichkeit der gegenseitigen Bereicherung, aufzunehmen und zu nutzen? Ich glaube, das Wichtigste ist, diese Dynamik erst einmal zu erkennen. Und vielleicht leisten wir hier einen kleinen Beitrag dazu. Sozialarbeitende könnten sich aus meiner Sicht mehr ihrer selbst und ihrer Fähigkeiten bewusst sein.

Können wir in der konkreten Arbeit unser Profil schärfen und für uns und insbesondere für die von uns unterstützen Menschen in dem beschriebenen Sinne wirksam werden? Ein paar Gedanken dazu, wie es sein könnte:

  • Wir unterbreiten Klient*innen keine Vorschläge sondern hören ihnen zu und kreieren die Interventionen mit ihnen gemeinsam. Wir lernen daraus, wenn etwas nicht so gut gelaufen ist. Wir sind Vorbild für die Klient*innen und diese sind uns mit ihren Ressourcen und Lösungsmöglichkeiten wegweisend. Dazu stellen wir nicht nur Probleme dar (weg mit dem Wort “Fallbesprechungen”!) sondern haben den Fokus auf Gelingendes.
  • Wir gestalten die Qualitätsentwicklung in der Organisation so, dass sie in den Teams verankert ist und unsere Tätigkeit nicht nur als Erfüllung von Gesetzesvorgaben, Verordnungen und Regeln wahrgenommen werden. Es macht Spaß, unsere Arbeit sichtbar zu machen.
  • Wir entwickeln die Organisation nicht allein, sondern beteiligen möglichst alle Anspruchsgruppen von Kostenträgern bis zu Klient*innen. Wenn wir sie nicht alle an einen Tisch holen können (ich bin schon wieder im Restaurant :-), überlegen wir uns passende Maßnahmen, wie wir Sichtweisen zusammenbringen.

Ich habe ein großes Interesse daran, dass sich unsere Organisationen dahingehend entwickeln. Es wäre gut, wenn wir dabei immer wieder aufpassen, dass es nicht um uns geht, sondern um die Menschen, die wir unterstützen. Wenn ich noch einmal auf die Küche in dem oben genannten Restaurant kommen darf: Lass uns nicht im eigenen Saft schmoren, sondern gemeinsam ganz unterschiedliche, kreative und wertvolle Gerichte kreieren. Also ist der Leistungsempfänger nicht nur Gast, sondern er kocht sein eigenes Essen gemeinsam mit uns. Vielleicht ist es eher ein Koch-Kurs, der im Restaurant stattfindet?!

Ich mache mich jetzt an die Arbeit. Und Du?

Ganz überrascht bin ich und froh über unser Gespräch: Damit habe ich einen Push bekommen, der mich in “meinen” Organisationen antreiben wird: die Ausrichtung aller unserer Aktivitäten auf die Menschen, für die wir da sind, und deren Beteiligung daran. Das FÜR ist auch immer ein MIT. Also, Los!

Heinz, ein wunderschöner Schlusssatz. Mit den Menschen, die wir unterstützen. Mit allen Mitarbeitenden und Anspruchsgruppen. Und gemeinsam mit anderen Organisationen wirken. Vielen Dank für das Gespräch und die Inspiration. Los geht´s!

Über meinen Gesprächspartner Heinz Tichelbäcker:

Jahrgang 1952, Studienabschlüsse: Katholische Theologie, Sozialpädagogik und Personalentwicklung, bis 2018 Leiter von Therapiezentren für alkohol- und drogenabhängige Frauen und Männer, auch in jetzigen ehrenamtlichen Tätigkeiten engagiert in Organisations-und Personalentwicklung.

Sketchnote (oder der Versuch einer Sketchnote :-): Christian Zepke

Auf die Idee des Blog-Gesprächs bin ich durch Annette Schwindt gekommen, die schon mit vielen interessanten Menschen derartige Gespräche geführt hat. Hier findet ihr das Gespräch zwischen Annette und mir.

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