Dimensionen von Partizipation

Share Pic des Gesundheitskongresses mit einem Porträtfoto von Christian Zepke und der Aufschrift: Impuls aus der Praxis: Gemeinsam entwickeln und gestalten - Dimensionen von Partizipation

Mein Impuls beim Paritätischen Gesundheitskongress 2021

Ich war am 06.05.2021 Impulsgeber beim Paritätischen Gesundheitskongress und durfte aus der Praxis berichten. Mir war es wichtig, Partizipation aus verschiedenen Blickwinkel zu beschreiben. Partizipation ist in der Sozialen Arbeit in aller Munde und auch gesetzlich verankert. Die Menschen, die wir unterstützen, sollen am Leben in der Gemeinschaft teilhaben. Sie sollen durch unsere Unterstützung ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Was ist Partizipation für mich? Es ist für mich mehr als Mitwirkung oder Teilhabe. Wenn ich gestalten darf, wenn ich entscheiden und Einfluss nehmen darf, kann ich wirklich partizipieren.

Ich habe beschrieben, dass Sozialarbeitende Experten in Sachen Partizipation sind. Von Ausbildung und Studium an haben Sie gelernt, Menschen zu befähigen, selbstbestimmt zu leben. „Wir machen den ganzen Tag nichts anderes.“ So habe ich es formuliert. Und wenn wir Partizipation in der Organisation leben, sind Sozialarbeitende also auch dafür prädestiniert.

In der Arbeit mit unseren Klientinnen und Klienten arbeiten wir durch Interventionen. Es ist nicht so, dass wir den Menschen etwas Vorgefertigtes verkaufen. Nein, wir entwickeln die Interventionen mit ihnen, damit sie ihre Ziele erreichen. Das ist wahre Ko-Kreation. Ja, Sozialarbeitende sind auch Experten für Ko-Kreation.🎨 Dies alles geschieht auf der Grundlage einer möglichst guten und tragfähigen Arbeitsbeziehung.

Gehen wir in unsere Organisationen, wird da aber nur teilweise partizipativ gearbeitet. Wobei wir unser Expertentum auch gut nutzen könnten, um Organisationen partizipativ und selbstorganisiert zu gestalten. In diesen Organisationen kann es ebenfalls darum gehen, entsprechende Strukturen zu erarbeiten und zu nutzen. Auch dies muss wieder ko-kreativ passieren. Die Strukturen sind nur dann praktikabel, wenn sie auf einer guten Kultur des Miteinanders basieren. Auch hier geht es also wieder um Interventionen und Beziehungen.

Warum arbeiten dann recht wenige Organisationen im Bereich der Sozialen Arbeit partizipativ und selbstorganisiert? Oder reden sie nur nicht darüber, weil es so selbstverständlich ist? Hindern uns vorgegebene Rahmenbedingungen und Strukturen?

Bei dem Gesundheitskongress habe ich davon berichtet, wie die Organisation, für die ich tätig bin, den Weg der Selbstorganisation begonnen hat und welche Lernerfahrungen wir dabei gemacht haben.

Der Beginn ist das Wozu

Wenn sich eine Organisation dafür ausspricht, Mitarbeitende zu Gestaltenden und zu Entscheider:innen zu machen, muss dies von der formalen Führung gewollt sein. Dann müssen diese Führungskräfte ihr Wozu und das Wozu der Organisation erklären. Was hat uns und was hat die Organisation zu diesem Vorgehen bewogen? Was möchten wir damit erreichen? Bereits an dieser Stelle ist es wichtig, dass alle verstehen, worum es geht. In unserem Fall war für die Mitarbeitenden nicht alles sofort verständlich. Das sei an dieser Stelle verraten. 😉

Verantwortung im Team

Dann haben wir einfach mal begonnen. Als erstes haben wir daran gearbeitet, dass bei der Einstellung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Teams maßgeblich beteiligt werden. Aktuell sind wir dabei, die Qualitätsentwicklung in den Teams zu verankern. Es macht doch einfach Sinn, Qualität dort zu sichern und weiterzuentwickeln, wo sie erbracht wird.

Dazu übernehmen jetzt Mitarbeitende in den Teams Verantwortung für den Prozess der Qualitätsentwicklung. Aber nicht nur das. Während früher die Geschäftsführung Mitarbeitende für wichtige Aufgaben ausgesucht hat, überlegt sich jetzt das Team wer aus ihrem Kreis diese Verantwortung übernehmen möchte.

Kann jede*r den agilen Bus fahren?

Beim Gesundheitskongress habe ich von einer weiteren wichtigen Lernerfahrung berichtet. Noch vor gar nicht langer Zeit habe ich gedacht, dass jede und jeder von uns einmal den agilen Bus 🚍 fahren und Kompetenzen einbringen darf und so dem großen Ganzen dienen kann. Warum sollte immer die formale Führungskraft am Steuer sitzen? Nach dem meine Kollegin und ich das allen Mitarbeitenden gesagt haben, wurde uns mulmig. Wir befürchteten, dass einige den Bus zu schnell fahren würden, während andere auf der Bremse stehen könnten. Dass der eine diesen Weg und die andere eine alternative Route einschlagen würde. Und wir sahen den Bus am nächsten Baum. Wollten wir jetzt wirklich noch diese Veränderung? Sollte nicht jeder erst einen Führerschein haben, um diesen Bus fahren zu können?

Wir wollten Veränderung. Sie sollte aber überlegt stattfinden, um nicht alles zu riskieren, was im Laufe der Jahre aufgebaut wurde. In der von mir begonnenen Weiterbildung zum Organisationsbegleiter habe ich mich mit der Kontextbrücke nach Claudia Schröder und Bernd Österreich beschäftigt. Und das war eine weitere wichtige Lernerfahrung für mich und für uns.

Wenn wir wirklich wollen, dass Mitarbeitende gestalten und Einfluss nehmen, muss das die formale Führung zulassen. Sie muss entscheiden, für welche Bereiche Mitarbeitende Verantwortung übernehmen dürfen.

Danach ist es wichtig zu schauen, ob sie für diesen Bereich überhaupt Verantwortung übernehmen wollen. Ist diese Aufgabe überhaupt gerade attraktiv für das Team?

Wenn das Dürfen und das Wollen passiert sind, geht es an die Durchführung, das Können.

Mir ist irgendwann klar geworden, dass ich bereits in der Fahrschule Auto gefahren bin. Vermutlich hatte ich einen guten Fahrlehrer und ich habe Schritt für Schritt dazu gelernt. Diese Fahrschule findet jetzt im Team statt. Das Lernen an sich wird reflektiert und Erfahrungen zur Weiterentwicklung genutzt. Teilweise haben wir auch externe Begleitung im Rahmen von Teamtagen und Coaching genutzt. Auch können wir auf bewährte Unterstützung zum Beispiel im Rahmen von Teamsupervision zurückgreifen.

Wie das alles weitergeht? Wir werden dazulernen. Ich gehe davon aus, dass Mitarbeitende und Team mehr Verantwortung bekommen und das mehr Arbeit ohne direkte Mitwirkung formaler Führung gestaltet wird. Ich vermute, dass die Mitarbeitenden es wertschätzen, sich einbringen und entfalten zu können. Ich vermute, dass uns die Arbeit Freude macht und wir zunehmend besser Menschen darin unterstützen können, Teilhabe zu erleben, zu gestalten und Einfluss zu haben. Ich hoffe, dass Menschen um uns herum und woanders gesehen werden und sich gegenseitig sehen. Dass sie sich miteinander entwickeln.

Ich habe im Anschluss an meinen Praxis-Impuls einige sehr schöne Rückmeldungen erhalten, von denen ich hier gerne drei weitergeben möchte. Vielen Dank dafür.

„Sehr sympathisch und souverän🙏 Und deine Vorgehensweise hat mich sehr an die Inhalte aus dem Buch reinventing organisations erinnert!! Klasse!“ Anke Hielscher

„Super gemacht, Christian 👍 Ich habe wieder etwas dazu gelernt: die Kontextbrücke werde ich mir mal näher anschauen. Du bist auf einem sehr spannenden Weg mit deiner Mannschaft! Lass mich gerne hören, wie es weiterläuft. Partizipation ist der Schlüssel zum Erfolg. Ihn im Schloss zu drehen sehe ich als die größte Herausforderung überhaupt. Auszuprobieren was dabei funktioniert und was nicht, kostet mich viel Kraft. Positive wie anstrengende… denke das geht jeder Führungskraft so, oder?“ Katja Eisele

„Deshalb fand ich deinen Beitrag so toll und wollte dich unbedingt dabei haben: du teilst deine Erfahrungen ungeschminkt und gibst deine Learnings preis. – Danke!“ Ursel Wolfgramm, DER PARITÄTISCHE Baden-Württemberg, Vorstandsvorsitzende

Die erwähnte Kontextbrücke im Download-Material der Werkstatt für kollegiale Führung:

Download-Material

Von den Besonderheiten Sozialer Arbeit und ihrer Organisationen erzähle ich mit meinem Gesprächspartner in einem Blog-Gespräch:

Die Organisation, für die ich tätig bin, ist die Assistenz GbR in Krefeld: www.assistenz-krefeld.de

Interessierte sind gerne eingeladen, sich mit meiner Kollegin Beate van Benthum und mir auszutauschen oder auch einmal an einer Teamsitzung teilzunehmen.

Titelbild: Share Pic Paritätischer Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg

7 Kommentare zu „Dimensionen von Partizipation

Gib deinen ab

  1. Sehr guter Beitrag. Ich danke Dir für Deinen anregenden Artikel. Habe zum Thema Partizipation aus Sicht von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (an der Basis bzw meiner beruflichen Position) einen Blog Beitrag geschrieben. Die Personen Gruppen Führungskräfte sind eigentlich auch immer gleichzeitig Führung und Angestellte einer Organisation 🤔
    https://elkeoverhage.blog/2020/04/11/partizipation-von-mitarbeiterinnen-und-mitarbeiter/

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  2. Hat dies auf mampels welt rebloggt und kommentierte:
    Ich möchte Euch diesen Beitrag des großartigen Christian Zepke unbedingt zur Lektüre empfehlen.
    Zwei Gedanken sind bei mir besonders „hängengeblieben“:

    „Aktuell sind wir dabei, die Qualitätsentwicklung in den Teams zu verankern. Es macht doch einfach Sinn, Qualität dort zu sichern und weiterzuentwickeln, wo sie erbracht wird.

    Dazu übernehmen jetzt Mitarbeitende in den Teams Verantwortung für den Prozess der Qualitätsentwicklung. Aber nicht nur das. Während früher die Geschäftsführung Mitarbeitende für wichtige Aufgaben ausgesucht hat, überlegt sich jetzt das Team wer aus ihrem Kreis diese Verantwortung übernehmen möchte.“

    „Ich vermute, dass die Mitarbeitenden es wertschätzen, sich einbringen und entfalten zu können. Ich vermute, dass uns die Arbeit Freude macht und wir zunehmend besser Menschen darin unterstützen können, Teilhabe zu erleben, zu gestalten und Einfluss zu haben. Ich hoffe, dass Menschen um uns herum und woanders gesehen werden und sich gegenseitig sehen. Dass sie sich miteinander entwickeln.“

    Danke für die Inspiration, die auch für unseren Prozess im Stadtteilzentrum Steglitz sehr wertvoll ist!

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  3. Ich habe erst jetzt Deinen Blogg gelesen. Ich bin jetzt mehr in der Freiwilligen Arbeit tätig. Dafür bekomme ich gerade hier sehr wertvolle Anregungen. Es geht auch im Zusammenspiel von Handelnden, die damit ihren Lebensunterhalt erwerben, und den anderen, die sich hier freiwillig engagieren, wie Partizipation gelingen kann und wie das ist mit dem Fahren eines Busses.

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