Auf Augenhöhe in Organisationen

rote Brücke unter blauem und bewölkten Himmel (Aufschrift: Brücke der Solidarität 1988)

Wie wir in unterschiedlichen Positionen respektvoll miteinander umgehen

Kürzlich war ich im nahegelegenen Supermarkt einkaufen. Vor mir an der Kasse stand ein Auszubildender aus meiner Nachbarschaft, der vermutlich für seine Kolleg:innen einkaufte. Na ja, dachte ich. Das ist schon OK. Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre.

Ich bin jemand, der schon vor lange Zeit seine Lehre absolviert hat. Lehre ist das, was heute Ausbildung heißt. Damals hieß es auch schon so. Man sprach jedoch noch oft von Lehre. Auszubildende waren früher, eigentlich vor meiner Zeit, Lehrlinge. Lehrlinge, ein witziges Wort oder? Oder ein schlimmes Wort, weil das Ungleichgewicht zwischen jungen Lernenden und alle anderen offensichtlich wird? Schnee von gestern? Na ja, wenn das Wort auch nicht mehr existiert, lebt vielleicht die entsprechende Haltung noch in der ein oder anderen Organisation?

Ich weiß gar nicht, ob ich den Satz, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, so häufig gehört habe. Jedenfalls hat er sich mir eingeprägt. Um die Meinung anderer zu erfahren, habe ich bei Twitter eine Umfrage gestartet. Die Mehrheit findet den Spruch schlimm. Immerhin fast ein Drittel sehen ihn als Schnee von gestern an. Und fast ein Viertel der Teilnehmenden hat der Satz oder eben die Lehrjahre weitergebracht.

Ich hätte mich nicht direkt für eine Antwort entscheiden können. Meine Lehrjahre waren auf besondere Weise lehrreich. Ich habe auch den Druck gespürt und das Ungleichgewicht zwischen Be-Lehrenden und Lernenden. Und ich denke, dass der Satz teilweise überholt ist. Was meinst Du dazu?

Lehrjahre werden Lernjahre

Es macht sicher Sinn, eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen, um das Erlernte dann im Berufsleben sicher anwenden zu können. Ich darf als Lernender Erfahrungen und Fehler machen, ohne dass es große Konsequenzen hat. Und nach der Ausbildung? Das Lernen findet immer statt. Für alle. Gibt es in diesem Sinne wirklich einen Unterschied zwischen mir als Führungskraft und dem Auszubildenden, den ich im Supermarkt gesehen habe? Lernjahre enden nie.

Herrenjahre abschaffen!

In Wikipedia steht, dass mit „Herr“ ursprünglich eine Obrigkeit gemeint war. Bei dem Begriff „Herrenjahre“ sträuben sich denn bei mir auch die Nackenhaare, weil ich genau das damit verbinde. Da geht es nämlich nicht um Herren, also Männer. Es geht wahrscheinlich meistens um das Herrschen. Es geht um zwei ganz unterschiedliche Ebenen. Man käme nicht darauf, dass sich Lehrende und Lernende auf Augenhöhe begegnen. Warum auch und wie denn?

Ein bleibender Eindruck

„Du musst einen guten Eindruck machen.“ Das ist möglicherweise noch so ein Glaubenssatz, den aus auch heute noch gibt. Frei nach dem Motto: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“ Es war in meiner Ausbildung unglaublich wichtig, dass ich gut und seriös angezogen bin, dass ich pünktlich bin, dass ich gute Noten oder zumindest nicht ganz schlechte aus der Berufsschule mitbringe. Und dass ich freundlich zu allen bin, insbesondere natürlich zum Chef, zu meinen direkten Vorgesetzten und zu den Kunden. Dass ich einfach meine Arbeit mache. Schließlich werde ich dafür bezahlt. Welcher Mensch ich bin, wollte damals kaum jemand wissen. So war jedenfalls mein Eindruck.

Herrschende und Beherrschte?

Mit meinen Chefs und Chefinnen habe ich einiges erlebt. Ich habe sie auch als Menschen wahrgenommen. Sie waren oft Herrschende und ich habe verstanden, dass sie etwas gestalten und zu sagen haben wollten. Ich wollte dann irgendwann auch etwas zu sagen haben. Ich wollte Einfluss haben und etwas bewegen. Was sagt mein Chef dazu? Kann ich denn jemals mit meinen Vorgesetzten auf Augenhöhe sein und ihm auch mal meine wirkliche Meinung sagen, damit wir gemeinsam weiterkommen?

Ich weiß es nicht genau. Was ich sagen kann: Ich habe die Augenhöhe gesucht und nicht gefunden. Das war ein wichtiger Grund warum ich mich selbstständig gemacht habe und ich jetzt Vorgesetzter bin. Seiten gewechselt, Problem gelöst?

So einfach ist es leider nicht. Ich verfalle manchmal in Muster, die ich früher abgelehnt habe. Mir bleibt manchmal nichts anderes übrig als Anweisungen zu erteilen oder mich einfach mit meiner Meinung durchzusetzen. Ich weiß es doch am besten. Ich habe das große Ganze im Blick. Ich bin letzten Endes verantwortlich. So lege ich es mir zurecht. Es wird besser, hoffe ich. Ich frage `mal. 🙂

Worauf es ankommt

Aus welchem Antrieb heraus mache ich meine Arbeit? Bin ich berechnend und zeige ich vor allem mein Ego im Sinne von „Hier komme ich“? Will ich unbedingt etwas zu sagen haben? Oder bin ich bescheiden und demütig und höre dem Gegenüber zu? Will ich, dass andere nur ihre Arbeit machen? Oder will ich andere als Menschen sehen? Will ich selbst an meinem Arbeitsplatz funktionieren oder will ich ein Leben leben, bei dem die Arbeit ein wichtiger Teil, nur eben nicht alles ist? Lasse ich als Führungskraft auch andere Menschen führen? Und gestehe ich meinem Chef zu, dass er ein Mensch mit Schwächen und Stärken ist?

Ja, das sind viele Fragen. Worauf es ankommt, kann nur jede:r selbst beantworten. Wichtig ist, dass wir innere und äußere Grenzen überspringen und unsere eigene Position finden. Probieren wir etwas aus! Es ist vieles möglich: So kann jemand im Team arbeiten und Führungskraft sein. Wir können Lernende und Lehrende gleichzeitig sein. Wir können gute Arbeit machen und mit all unseren Facetten sichtbar sein. Wir können unser Ego leben und das, was darüber hinaus geht.

Titelfoto: Christian Zepke (Brücke der Solidarität, Duisburg)

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