Das Wir-Gefühl

Erlebnispädagogisches beim Teamtag (Mitarbeitende ziehen an unterschiedlichen Seilen und versuchen so gemeinsam ein Stück Holz richtig zu positionieren.)

Über die Kultur in Organisationen

Als wir im Frühjahr 2020 pandemiebedingt auf Abstand gegangen sind, habe ich mir Sorgen gemacht. Wenn wir uns kaum noch in Präsenz sehen und alle Teamsitzungen auf Online umstellen, wie sollten wir dann ein Wir-Gefühl herstellen? Würden wir uns noch sehen, wenn wir uns nicht mehr sehen? Wollen wir überhaupt noch WIR sein, wenn wir uns aus dem Weg gehen müssen?

Dieses Wir-Gefühl ist für mich die Kultur unserer Organisation. Wie wir unsere Arbeit verstehen. Was uns wichtig ist. Und wie wir miteinander umgehen. Nachdem wir uns auf die besondere Pandemie-Situation eingestellt hatten, wurde ich etwas ruhiger. Alle waren noch da. Wir gestalteten eines neues Miteinander, in dem wir zum Beispiel Vereinbarungen getroffen haben, wir wir online miteinander kommunizieren und arbeiten wollen.

Zu dieser Zeit las ich zum Beispiel hier, dass Kultur kaum veränderbar und steuerbar ist. Das Gegenteil hatte ich bisher immer angenommen. Und ich machte mir erneut Sorgen. Dieses Mal jedoch nur recht kurz. Ja, ganz sicher kann eine Kultur nicht durch Anweisungen hergestellt werden. Wir können nicht sagen: Jetzt haben wir eine Kultur und wir sind fertig. Eine Kultur kann man nicht lagern und nicht konservieren. Kultur ist immer auch das, was man nicht sieht.

Markus Metz schreibt in folgendem Tweet:

Das trifft sicher auf das meiste zu, das in Organisationen passiert. Und insbesondere trifft es auf die Organisationskultur zu. Es kann nicht darum gehen, eine Kultur durch einige gezielte Interventionen auszulösen. Es kann aber darum gehen, uns in die richtige Richtung zu bewegen.

Wie machen wir das? So wenig man Kultur direkt beeinflussen kann, so wenig kann man es in einem Buch nachlesen, wie sie zu gestalten ist. Wobei es natürlich nicht schadet, sich mit bestimmten Themen wie Kommunikation, Haltung und Werten auch theoretisch auseinanderzusetzen. Letztlich kommt es jedoch auf die Praxis an.

So wenig wie wir Kultur festhalten können, so sicher ist es auch, dass die Erschaffung und Pflege einer bestimmten Kultur ein nie endende Arbeit erfordert. Sicher kann man auch ein in die Jahre gekommenes Leitbild im Flur hängen lassen. Beruhigt das jemand? Mich würde das eher beunruhigen. Es ist besser, ein schönes Bild aufzuhängen.

„Die Atmosphäre ist gut.“ „Wir sind freundlich zueinander und schätzen uns.“ „Gibt es Konflikte, werden diese konstruktiv ausgetragen.“ Manchmal höre ich mich das sagen und bin zufrieden. Und manchmal frage ich mich, wem ich eigentlich etwas vormache. Das Klima kann auch mal überhitzt sein, die Atmosphäre vernebelt. Konflikte werden unter der Decke gehalten und entladen sich an Stellen, die sich nicht erahnen lassen.

Manchmal wird mir bewusst, dass da etwas anders laufen könnte, als von mir gedacht war. Zum Beispiel wenn ich „wir“ sage. „Wir haben in diesem Monat viel erreicht.“ „Wir machen gute Arbeit.“ „Wir sind froh, neue Mitarbeitende begrüßen zu dürfen.“ Vielleicht sind aber gar nicht alle froh darüber und vielleicht sind gar nicht alle meiner Meinung. Wer sagt mir denn ehrlich seine Meinung? Wer gibt mir Feedback und wer nicht? Und was hat das mit mir zu tun?

Und an diesem Beispiel erkennen wir schon sehr gut, wie eine Kultur aufgebaut und gepflegt werden kann.

Gemeinsames Verständnis und Vereinbarungen

Es ist wichtig, gemeinsame Vereinbarungen zu treffen. Und dazu muss klar sein, dass wir ein gemeinsames Verständnis haben. Was bringt es, wenn wir ohne es zu merken aneinander vorbei reden? Vielleicht denkt ihr jetzt: Schön, Verständnis herstellen und Vereinbarung treffen. Wird gemacht und dann geht es los. So einfach ist es nicht. Sobald sich etwas ändert, und das kann von außen wie eine Kleinigkeit aussehen, ist erneut Verständnis herzustellen und eine neue Vereinbarung zu treffen.

Einladung zur Kulturarbeit

Wir brauchen immer wieder die Einladung, uns damit zu beschäftigen. Mitarbeitende, Kolleginnen und Kollegen und auch und insbesondere die Führungskräfte. Wie einladend kann es denn gestaltet werden? Hat jede und jeder einen Zugang zum Thema? Wird die Einladung auch im Alltagsgeschehen angenommen?

Auch Führungskräfte benötigen Rückmeldungen. Und wenn sie aus Gründen keine Rückmeldungen bekommen? Nein, allwissend müssen sie nicht sein. Vielleicht können sie fühlen, ob alle von dem WIR angesprochen sind. Vielleicht können sie bei sich erforschen, ob es nicht so ist, dass sie selbst das WIR wollen und dann einfach davon ausgehen, dass es da ist. Vielleicht können sie Mitarbeitende fragen, was diese brauchen, um das WIR zu fühlen und zu leben. Vielleicht kann ich es erfragen. Ein Versuch ist es wert.

Kulturarbeit ist wichtig. Kulturarbeit erfordert Mut, auch Irritatitionen an der Oberfläche und in der Tiefe wahrzunehmen und anzunehmen. Kulturarbeit braucht Zuversicht, dass es gut wird.

Ich bin zuversichtlich. Meistens.🤗

Titelfoto: Assistenz GbR

6 Kommentare zu „Das Wir-Gefühl

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      1. Auf jeden Fall – Sollten Führungskräfte (FK) vorleben & ermöglichen. Beeinflussen finde ich im Zusammenhang mit Kultur streitbar🤭, meine nämlich das es mit Kultur nicht möglich ist. Aber wenn die FK mit z.Bsp: Wertschätzung Werte vorlebt, bewirkt dieses auch eine „Erlaubnis“ für die Mitarbeiter. Dabei ist es (leider) egal, welcher Kategorie das „Vorleben“ zuzuordnen ist. Meine hier das es auch im negativen Sinne, ein vorleben ist. Beispiel: Wenn der neue Chef nie „Guten Morgen“ sagt, wird sich das Verhalten auch auf die Belegschaft auswirken. Somit hat die FK schon eine hohe Verantwortung. Weil ihr „gefolgt“ wird & ihr/sein Verhalten „gespiegelt“

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      2. Ja. Das sehe ich auch so. Vorleben ist wichtig. Die Beeinflussbarkeit von Kultur wird ja kontrovers diskutiert. Und ich glaube die Gefahr ist, dass Führungskräfte Kultur für sich / aus ihrem Blickwinkel gestalten und nutzen wollen. Und dann muss man eben sagen: Kultur passiert dann, wenns man (Führungskraft) nicht hinschaut oder nicht hinschauen kann. Das ist ein interessantes Thema, was wir nicht mal eben zu Ende denken können. 🙂

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      3. Stimmt – Schöne Ansätze zur (niemals endenden) Beschreibung der Kultur. Habe auch noch ein paar Gedanken dazu: Kann sie nur sich „formen“, wenn niemand hinschaut, niemand beobachtet und keiner an sie denkt? Denn dann ist SIE das Abbild des TUN, des Systems.
        Einzeln kann ich SIE nie beobachten, kann aber durch wenige sichtbare Inkrements, Rückschlüsse auf deren Gesamtheit ziehen. Bin aber dem nie ganz sicher 😱. In dem Zusammenhang finde ich Glaubenssätze hilfreich….
        Und deren Diskussion im System.

        P.S.: ich bin gerade inspiriert und will einen Blog zu (Arbeitstitel) „das unterschätze Onboarding oder wieso neue Mitglieder im System mir betrachten helfen“

        Oder machen wir coCreation Christian??

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